Bund Ev.-Freikl. Gemeinden

Stettin: Saniertes baptistisches Gemeindezentrum eingeweiht

Stettin (IDEA) – Mit einem Festgottesdienst ist das renovierte historische Gemeindehaus der Baptisten im polnischen Stettin (Westpommern) am 15. Januar in Betrieb genommen worden. Das Gebäude aus dem Jahr 1855 soll als „Christliches Zentrum“ nicht nur von der Baptistengemeinde genutzt werden, sondern auch als internationale ökumenische Begegnungsstätte, Gästehaus und Sozialzentrum dienen. Auch eine englischsprachige internationale Gemeinde will einziehen. Udo Hermann sprach als Mitglied der Bundesgeschäftsführung ein Grußwort des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden. Er würdigte die Arbeit des Fördervereins, der die Sanierung des Gebäudes entscheidend vorangetrieben hatte.

Die Renovierung kostete rund 1,8 Millionen Euro. Die Stadtverwaltung hatte das marode Gebäude der Gemeinde im Jahr 2002 übergeben. Die damals 30 Mitglieder hätten das Geld für die Renovierung allein nicht aufbringen könnten, sagte Gemeindepastor Robert Merecz gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA. In die Finanzierung flossen Mittel aus der Europäischen Union, des polnischen Staates sowie Spenden und zinslose Darlehen von Baptisten, vor allem aus Deutschland.###3_IMAGES###Der Präsident des polnischen Baptistenbundes, Marek Glodek (Warschau), erinnerte in seiner Festpredigt vor 230 Besuchern an die deutschen Wurzeln der heutigen Gemeinde, die den „Staffelstab“ übernommen habe. Ihr Ziel sei es, „das Licht des Glaubens“ in der Gesellschaft weiterzugeben. Pastor Merecz erinnerte daran, dass die deutsche Gemeinde 1940 fast 650 Mitglieder gezählt und in der Region 20 neue Gemeinden gegründet habe. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die deutschen Bewohner vertrieben.

Platz für über 300 Besucher

Das renovierte Gebäude hat einen Gemeindesaal mit mehr als 300 Plätzen. In den oberen Stockwerken sind Wohnungen, Gästezimmer und Studioräume für einen christlichen Internetsender entstanden. Im Untergeschoss gibt es unter anderem Büros und Räume für Fremdsprachenunterricht. Dort will die Gemeinde vor allem Kindern und Jugendlichen aus ärmeren Familien Deutsch- und Englischunterricht durch Muttersprachler anbieten. Zudem sollen dort deutsch-polnische Konferenzen, Jugendtreffen und Gottesdienste möglich sein.

Die Gemeinde wurde 1846 von deutschen Baptisten gegründet. Vier Jahre später begannen sie mit dem Bau des Gemeindehauses, das 1855 in Anwesenheit von Johann-Gerhard Oncken (1800–1884), dem Begründer des Baptismus auf dem europäischen Festland, eingeweiht wurde. Damals war Stettin die Hauptstadt der preußischen Provinz Pommern. Das Gemeindehaus ist die viertälteste Oncken-Kapelle, die in Europa noch erhalten ist. Die Gemeinde zählt heute 56 Mitglieder und bis zu 75 Gottesdienstbesucher.

Zum polnischen Baptistenbund gehören 102 Gemeinden mit 5.400 Mitgliedern.

Ökumenische Übersetzungsarbeit leisten

Regelmäßig zu Jahresbeginn treffen sich die ACK-Delegierten der BEFG-Landesverbände. Erzpriester Radu Konstantin Miron, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Deutschland, war dieses Jahr zu Gast.

In der ACK schließen sich auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene Vertreterinnen und Vertreter der unterschiedlichen Konfessionen zusammen, um die Einheit der christlichen Kirchen zu stärken. Die ACK-Delegierten der Landesverbände im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden versammelten sich am 20. und 21. Januar in Elstal, um sich auszutauschen und zu vernetzen. Pastor Manfred Ewaldt leitete die Versammlung und begrüßte insbesondere den ACK-Vorsitzenden Erzpriester Radu Konstantin Miron von der griechisch-orthodoxen Kirche. Bevor dieser den Delegierten die Orthodoxie näherbrachte, erzählten die Delegierten von ihren Berührungspunkten und Erfahrungen mit der orthodoxen Kirche: von persönlichen Begegnungen über ansprechende Andachten bis hin zu Ostergottesdiensten, die sich fremd anfühlen.

Erzpriester Miron erläuterte, dass „orthodox“ „rechtgläubig“, aber auch „rechter Lobpreis“ bedeutet. „‚Rechtgläubigkeit‘ ist nicht ausgrenzend gemeint, denn jede orthodoxe Kirche beziehungsweise Konfession nimmt sie für sich in Anspruch“, so der Erzpriester. „Es gibt 15 sogenannte autokephale, also eigenständige Landeskirchen, wie die Kirche von Griechenland oder von Polen. Die einzelnen Landeskirchen bilden gemeinsam eine Kirche, denn ihnen gemeinsam sind Glauben, Liturgie und Kirchenrecht. Unterschiedlich sind Sprache, Musik, Bräuche und Kalender.“ Am nächsten Morgen feierten die Delegierten mit dem Erzriester eine griechisch-orthodoxe Andacht.

Dr. Carsten Claußen, Professor an der Theologischen Hochschule Elstal, berichtete den Delegierten begeistert von der 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK), die vom 31. August bis zum 8. September 2022 in Karlsruhe stattgefunden hatte. Seine Eindrücke hat er auch in einem Bericht beschrieben. Er wurde als delegierter Beobachter des BEFG eingeladen und stellte den Bund dort als Bewerberkirche vor. Der Bundesrat 2021 hatte nach einem mehr als vierjährigen Beratungsprozess beschlossen, einen Antrag auf Mitgliedschaft im ÖRK zu stellen. Wie geht es weiter? Nach einem Besuch von Abgesandten des ÖRK-Zentralkomitees Ende März dieses Jahres in Elstal tagt der Zentralausschuss Ende Juni und wird dort über die Mitgliedschaft des BEFG entscheiden.

Der ACK-Vorsitzende Erzpriester Radu Konstantin Miron hob die Bedeutung der Ökumene hervor: Ökumene sei Teil unserer Identität als Christen und betreffe unsere Glaubwürdigkeit. Außerdem verdiene nur Ökumene, die multilateral aufgestellt ist, also aus den großen und hierzulande kleinen Kirchen, auch den Namen „Ökumene“. Ökumene sei temporal und lokal immer anders und niemals abgeschlossen. Sie betreffe alle Ebenen der Kirche. „Ökumene heißt übersetzen“, erklärte Erzpriester Miron. In der Ökumene müsse man auf das Gebiet eines anderen wie über einen Fluss über-setzen und auch im Sinne von sprachlicher Vermittlung übersetzen, wie man zum Beispiel das Abendmahl versteht.

Die ACK-Delegierten berichteten unter anderem, wie sie regional das Täufergedenken „Gewagt! 500 Jahre Täuferbewegung 1525 – 2025“ aufgreifen und Veranstaltungen dazu anbieten. Sie ermutigen, das Anliegen des Vereins „500 Jahre Täuferbewegung 2025“ in Gemeinden zu thematisieren und auch finanziell zu unterstützen. Der Verein veröffentlicht zu jedem Gedenkjahr ein Themenheft. Dieses Jahr steht unter dem nach wie vor aktuellem Motto „gewagt! gewaltlos leben“.

Neben den Berichten der Delegierten wurde zu ökumenischen Begegnungen eingeladen. So wies Dr. Jochen Wagner, freikirchlicher Referent in der Ökumenischen Centrale der ACK, auf die 75-Jahr-Feier der ACK am 21. März in Magdeburg hin. Er sprach außerdem eine Einladung zum Deutschen Evangelischen Kirchentag vom 7. bis 11. Juni in Nürnberg aus. Dort werde die ACK wieder mit der ACK-Polis vertreten sein. Um sich über Konfessionen und Kirchen zu informieren, gebe es zudem eine neue Online-Konfessionskunde. Pfarrer Dr. Lothar Triebel, Referent für Freikirchen am Konfessionskundlichen Institut Bensheim, war ebenfalls zu Gast. Er warb darum, junge Menschen zum vierten Jungen Forum Freikirchen mit dem Thema „Freikirchen und Judentum“ vom 7. bis 9. September in Erzhausen und online einzuladen. Und Mona Kuntze vom Christinnenrat lud zum ökumenischen Weltgebetstag ein, der am 3. März zum Thema „Glaube bewegt“ stattfindet. Der Gottesdienst zum Weltgebetstag wird auf Bibel TV und online aus Taiwan übertragen.

Bei der nächsten ACK-Delegiertenversammlung des BEFG wird Dr. Valérie Duval-Poujol, Baptistin und Vorstandsmitglied der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), zu Gast sein.

Von Katzen, Blattläusen und Säbelzahntigern…

Versöhnung ist das Herzstück des Evangeliums – das erläuterte Prof. Johannes Reimer (Bergneustadt) zunächst aus biblischer Perspektive. Warum sind unsere Gemeinden dann oft nicht als Zentren der Versöhnung bekannt? Mit seinem Bekenntnis, wie lange er brauchte um seine Katze zu ertragen und schließlich sogar zu lieben, eröffnete Reimer die Reihe von Tiergeschichten auf der AmPuls-Konferenz vom 20. bis 22. Januar 2023.

Es war eine besondere AmPuls-Konferenz: erstmals in drei verschiedenen Weisen zu erleben, vor Ort in München oder zuhause am Bildschirm oder bei der Watchparty in einer Gemeinde oder einem Wohnzimmer. Insgesamt haben dadurch über 300 Interessierte in ganz Deutschland die Impulse der Konferenz mitbekommen, durch die weiterhin zugänglichen YouTube-Videos werden es immer noch mehr.

Am schönsten war natürlich das Konferenz-Feeling vor Ort, mit echten Begegnungen und Umarmungen in der gastfreundlichen Baptistengemeinde München, Holzstraße. Dazu beigetragen haben die engagierten Teams des Dienstbereichs Mission und der Gemeinde, drei Musikgruppen aus München und Landshut und die wunderbaren Moderatorinnen Cintia Malnis und Laura Bechtold. ###3_IMAGES###Das große Thema „Versöhnung“ wurde am Samstag in vielen kleinen „AmPulsen“ präsentiert: Jonathan Walzer (Landshut) betonte die Bedeutung der Evangelisation, weil Menschen es nötig haben und sich danach sehnen, versöhnt zu werden mit Gott. Silke Tosch (Düsseldorf) berichtete von dem steinigen Weg zweier getrennter Gemeinden, die wieder zusammenfinden, und denen der gemeinsame Auftrag wichtiger wird als die aufgeräumte Besteckschublade. Heinrich Christian Rust weitete dann den Blick auf die Versöhnung für den ganzen Kosmos. „Wir brauchen eine ökologische Reformation, eine grüne Frömmigkeit, eine neue Beziehung auch zu den Tieren“, verdeutlichte Rust unter anderem mit dem Beispiel von den Blattläusen in seinem Garten. Elke und Hasso von Winning haben es in der Stadt Straubing erlebt, wie Versöhnung unter den Konfessionen und gesellschaftlichen Gruppen mit gemeinsamem Gebet beginnen kann. Dabei bekam der Ausspruch „an denen werdet ihr noch eure Freude haben“ einen neuen positiven Sinn. Aus ihren Erfahrungen im südlichen Afrika zeigte Regina Claas (Ascheberg) auf, wie Glaube kultur-verbindend wirkt, wenn Unterschiede nicht weggewischt werden und Fremde miteinander in Beziehung treten.

In weiteren Beiträgen wurde deutlich, dass auch ernste Probleme angesprochen werden müssen und können: der Rassismus, der aus Angst und Stolz entsteht, und nur mit Zivilcourage zu überwinden ist (Patricia Kabambay Nkossi, Düsseldorf). Der sexuelle Missbrauch, der benannt werden muss, weil Versöhnung mit Wahrheit beginnt. David Bunce (Bad Ischl) fragte, warum wir nicht einmal im Blick auf die längst vergangene Geschichte von David und Bathseba die Wahrheit aussprechen mögen, dass es sich um eine Vergewaltigung gehandelt hat. Der – längst ausgestorbene – Säbelzahntiger ist für Marcus Bastek (Kamp-Lintfort) ein Bild dafür, dass wir oft von Angst bestimmt werden, die gar nicht begründet ist. Um mit sich selbst versöhnt zu sein, hilft die Frage: „Was übernimmt in deinem Leben zu Unrecht die Kontrolle?“###3_IMAGES###Im Gottesdienst am Sonntag ging es um die Frage von Jesus an Petrus: „Hast du mich lieb?“ Sie eröffnete einen Raum der Versöhnung, auch wenn sie für Petrus zunächst schmerzhaft war. Agathe Dziuk und Joachim Gnep machten in ihrer Dialogpredigt deutlich: „Versöhnung mag anstrengend sein, aber unversöhntes Leben kostet noch viel mehr Kraft und verschwendet so viel Energie und Potenzial!“

Und dann gab es da noch: Schneefall und Parkplatzsuche in München; die technischen Herausforderungen einer hybriden Konferenz; Mauricio da Silva Carvalho, den kochenden Pastor aus Hamburg, der in der Mittagspause online ein besonderes Mahl der Versöhnung servierte; Workshop-Themen wie hörendes Beten, prophetisches Malen, Versöhnung nach dem Krieg, deutsch-persische Gemeindeentwicklung, neue Wege, Gemeinde zu sein, diakonische Gemeinde, ökumenische Jugendarbeit; und am Ende ganz viel Dankbarkeit über dieses gelungene Wochenende, und die Hoffnung, dass davon viele Impulse der Versöhnung zu Einzelnen und Gemeinden ausgegangen sind.

Erster Workshop „Unser Bund 2025 – Zukunft gestalten“

Am 13. Januar fand in Elstal ein erster Workshop des Projekts „Unser Bund 2025 – Zukunft gestalten“ mit 70 Personen aus der Mitarbeiterschaft des Bundes und dem Präsidium statt. Der Workshop wurde von Organisationsentwickler Dr. Stefan Lingott und Projektkoordinator Christoph Bartels geleitet und bot eine gute Gelegenheit, die beiden kennenzulernen.

Der Nachmittag begann mit einer Einführung und einem Überblick über den geplanten Prozess. Die Teilnehmenden erfuhren mehr über das Projekt und die Ziele, die damit verfolgt werden. So soll es darum gehen, nach einer ausführlichen Analyse der aktuellen strukturellen Herausforderungen bis Ende 2024 ein tragfähiges Konzept für die Bundesstruktur zu entwickeln und mit der Umsetzung zu beginnen. Die Teilnehmenden des Workshops, darunter auch der der Sprecher der Landesverbände, stellten sich danach erste inhaltliche Fragen: Was sind die größten Schmerzpunkte in der momentanen Bundesstruktur? Wo liegen mögliche Ursachen? Und wie können potenzielle Lösungsvisionen aussehen? Thematisiert wurden in diesem Zusammenhang unter anderem finanzielle Herausforderungen und die von einigen empfundene Distanz zwischen Gemeinden und überregionaler Arbeit.

Der Prozess soll partizipativ gestaltet werden, um die verschiedenen Perspektiven und Meinungen der Menschen aus dem Bund über die gesamte Zeit zu berücksichtigen und in konstanten Gesprächsprozessen tragfähige Lösungen für die aktuellen Herausforderungen zu finden.

Der vierstündige Workshop war ein erster Aufschlag, bevor der Prozess Ende März mit dem ersten Treffen der Projektgruppe in die eigentliche Analysephase startet. Die Ergebnisse des Workshops bieten dafür eine gute Grundlage. Ab April sollen außerdem Kommunikationswege eingeführt werden, um die Meinungen und Anregungen von Ehren- und Hauptamtlichen aus Landesverbänden, der überregionalen Arbeit und den Gemeinden in den Prozess einzubeziehen.

Für die Projektleitung war der Workshop in Elstal ein „gelungener Start für den Prozess ‚Unser Bund 2025‘“, wie BEFG-Generalsekretär Christoph Stiba betont. „Der Workshop hat gezeigt, dass es bereits jetzt kreative und innovative Ansätze gibt, um anstehende Herausforderungen zu meistern. Wir freuen uns darauf, im nun beginnenden Prozess viele weitere Anregungen aus allen Bereichen des Bundes einzubeziehen.“

Ein Programm, das zum Gemeindemotto passt

Erstmals findet die „Schöpfungs-Leiter“ außerhalb der Evangelisch-methodistischen Kirche Anwendung. Eine baptistische Gemeinde in Hannover macht den Anfang.

Hannover-Südstadt, unweit des über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Maschsees: Dort liegt die zum Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland gehörende baptistische „Gemeinde am Döhrener Turm“. Vor zwei Monaten fand dort der Auftaktgottesdienst statt, in dem sich die Gemeinde mit dem Ziel der Umweltzertifizierung „Schöpfungs-Leiter“ auf den Weg machte. Damit ist diese baptistische Gemeinde die erste außerhalb der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK), die das in der EmK entwickelte Umweltzertifizierungsprogramm durchführt.

Ein zum Gemeindemotto passendes Programm

Über die kirchlich gut vernetzte Umweltarbeit kamen die Baptisten aus der Hannoveraner Südstadt in Berührung mit der Schöpfungs-Leiter. So kam es, dass die rund vierhundert Mitglieder zählende Gemeinde sich für das ausdrücklich auf die Gemeinde ausgerichtete und mit einem starken biblischen Ansatz arbeitende Umweltzertifizierungsprogramm interessierte. „Es ist schön, dass wir zu unseren EmK-Pilotgemeinden in Hamburg und Böblingen nun auch noch eine baptistische Gemeinde bei der Schöpfungs-Leiter mit dabeihaben“, freut sich Stefan Weiland über die sich  ausweitende Arbeit. Beruflich als Umweltberater aktiv, ist Weiland seit Anfang Oktober im Auftrag der EmK für die Begleitung von Gemeinden zuständig, die ihre Arbeit umweltgerecht weiterentwickeln wollen.

Zum Einstieg in die Schöpfungs-Leiter heißt es in einem Artikel der zweimonatlich erscheinenden „Gemeindenachrichten“: Das Umweltzertifizierungsprogramm passe zum Gemeindemotto „christusorientiert, menschenfreundlich, weltoffen“ und ergänze die mit Flüchtlingswohnheim und Schülerbistro stark diakonisch ausgerichtete Gemeinde.

Systematisierung bisheriger Einzelmaßnahmen

Außerdem führe die Schöpfungs-Leiter die 2019 für die Gemeinde beschlossenen „Leitlinien zum Umwelthandeln unserer Gemeinde“ logisch weiter und setze einen Schwerpunkt in „Weltverantwortung“ und „Achtung der Schöpfung Gottes“. In diesen Leitlinien hatte die baptistische Gemeinde sieben Handlungsfelder beschrieben. In den Bereichen Energie, Abfall, Wasser, Einkaufsverhalten, Bau, Außenanlagen sowie Verkehr beschrieb die Gemeinde „mit wenigen Sätzen als Selbstverpflichtung“, wie sie einen positiven Beitrag für die Umwelt setzen wollte.

Nach mancherlei „Einzelmaßnahmen“ „könnte die Schöpfungs-Leiter unser Bemühen systematisieren“, beschreibt der für den Gemeindearbeitskreis Weltverantwortung zuständige Frank Hellberg die Bedeutung des Zertifizierungsprogramms. Gemeindemitglieder würden stärker eingebunden, eine externe Begleitung bringe Impulse ein, und das Bemühen um Nachhaltigkeit könne infolgedessen auch stärker nach außen dokumentiert werden. „Eine Erkenntnis bleibt uns wichtig“, schreibt der jetzt im Ruhestand lebende frühere Lehrer und Schulleiter: „Uns Menschen ist die Erde von Gott anvertraut. Unser Auftrag ist es, mit der gesamten Schöpfung verantwortlich umzugehen und als Ebenbilder Gottes sein Werk zu achten und zu bewahren.“

Externe Begleitung

Begleitet wird die Gemeinde von Ortrun Onnen. Die promovierte Agraringenieurin gehört zu einer der Hamburger EmK-Gemeinden. Sie begleitet als kirchliche Umweltauditorin Gemeinden bei deren Überlegungen, ihre Gemeindearbeit nachhaltig und schöpfungsgemäß weiterzuentwickeln. Die beiden Pastoren der Gemeinde am Döhrener Turm, Andreas Ullner und Henning Großmann, werden in ihren Predigten Aspekte von Schöpfungsbewahrung und Nachhaltigkeit aufnehmen. Außerdem wird die Gemeinde für die Weiterarbeit in Gruppen eine Broschüre für die persönliche Vertiefung und das Gespräch in Gruppen zur Verfügung stellen. Dazu gehören auch Praxisanregungen zur Umsetzung der Impulse.

Diakonie wagen

Aus den Kriegstrümmern und dank großer Opferbereitschaft der Baptisten Schöneberg entstand 1947 das Hospital Feierabendheim - der Grundstein für die Immanuel Diakonie. Ein Grund zum Feiern und zu diskutieren, was Diakonie ausmacht.

Am 21. Dezember 1947 wurde mit dem Hospital Feierabendheim die erste diakonische Einrichtung der Baptistengemeinde Schöneberg in unmittelbarer Nachbarschaft an der Hauptstraße eröffnet. Die aus Kriegstrümmern entstandene Pflegeeinrichtung, die inzwischen Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg heißt, war der Grundstein für die Immanuel Diakonie beziehungsweise den Berliner Teil der heutigen Immanuel Albertinen Diakonie. Auf den Tag 75 Jahre später, am 21. Dezember 2022, feierten Angehörige der Immanuel Albertinen Diakonie und der Baptisten Schöneberg mit Gästen und Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern das Jubiläum im Gemeindezentrum.

Unter dem Motto „Diakonie wagen!“ wurde einerseits auf die bewegende Entstehungsgeschichte des Hospitals Feierabendheim und das Wachstum hin zu einem großen diakonischen Konzern zurückgeblickt. Andererseits wurde darüber diskutiert, was Diakonie ausmacht und wie sie auch in Zukunft trotz Herausforderungen und Krisen bestehen und sogar wachsen kann. So lud Matthias Scheller, Vorsitzender der Konzerngeschäftsführung der Immanuel Albertinen Diakonie, dazu ein, anlässlich des Jubiläums Ideen für eine neue diakonische Einrichtung im Umfeld der Gemeinde in Berlin-Schöneberg zu entwickeln. Der Akkordeonist Vladislav Urbansky führte musikalisch durch den Nachmittag.

Große Opferbereitschaft der Gemeindemitglieder ermöglichte den Bau

Jürgen Roß, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Immanuel Albertinen Diakonie und langjähriges Mitglied der Baptisten Schöneberg, erinnerte daran, wie die Gemeinde auf Initiative ihres Pastors Walter Hoffmann auf die Not in ihrem Umfeld reagierte und eine im wahrsten Sinne des Wortes gemeindenahe Diakonie schuf: „Den Bau finanzierten die Gemeindemitglieder mit dem, was ihnen kurz nach Krieg und Gewaltherrschaft geblieben war. Die Kirchengemeinde war damals klein, gerade zehn Jahre alt. Trotzdem wurde zusammengeworfen, was noch da war, damit dieses Werk entstehen kann.“ Sogar Schmuck und Uhren legten die Gemeindemitglieder in die Kollekte, um die Pflegeeinrichtung verwirklichen zu können. „Menschen aus der Gemeinde haben sich im Hospital Feierabendheim eingebracht – in der Pflege, in den Funktionsbereichen, in der Verwaltung, als Geschäftsführer, an der Pforte oder in der Küche. Oder wie ich als Student bei den Bauarbeiten. Jugendgruppen und der Chor haben regelmäßig gesungen“, berichtete Jürgen Roß. Die Gemeindeleitung bildete das Kuratorium der wachsenden Diakonie, die Gemeinde die Gesellschafterin. „Viele Menschen aus der Gemeinde haben im Hospital, das inzwischen das Seniorenzentrum ist, ihren letzten Lebensabschnitt zugebracht.“

Nur zwei Jahre nach dem Hospital Feierabendheim kam 1949 in der ehemaligen Siemensvilla in Wannsee das Immanuel Krankenhaus hinzu, zunächst als Kinder- und Jugendhospital für Polioerkrankte. 40 Jahre lang, bis zur deutschen Wiedervereinigung, habe es ein relativ kontinuierliches Leben der Immanuel Diakonie in West-Berlin gegeben. „Nach der Wende dann das starke Wachstum durch die Übernahme neuer Angebote, von Berlin und Brandenburg ausgehend bis nach Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Hessen“, so Jürgen Roß. „Das folgte damals keiner Strategie. Vieles ist aus Kontakten gewachsen, aus dem Dasein, wenn man gebraucht wurde.“ 2019 schließlich die Fusion mit dem Hamburger Albertinen Diakoniewerk zur Immanuel Albertinen Diakonie mit zurzeit fast 100 Einrichtungen und knapp 8.000 Mitarbeitenden.###3_IMAGES###Diakonie als Haltung

Ob im Kleinen oder im Großen, der diakonische Auftrag sei derselbe: sich um Menschen zu kümmern, die Hilfe brauchen.  Welche Haltung Diakonie ausmacht, diskutierten Dagmar Wegener, Pastorin der Baptisten Schöneberg, Herbert Blum, Geschäftsführer von Immanuel Miteinander Leben, eine Tochtergesellschaft der Immanuel Albertinen Diakonie, zu der auch das Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg gehört, und Matthias Scheller. Ergänzt wurde der Trialog mit Video-Einspielern, in denen langjährige, teils ehemalige Mitarbeitende und Wegbegleitende über die Aufgabe von Diakonie nachdenken.

Alle waren sich einig, dass Diakonie heute nicht mehr die großen wirtschaftlichen Opfer einzelner brauche, wie noch zur Gründung, dafür aber immer noch Menschen, die für die Sache brennen, die sich mit ihrem ganzen Herzen einbringen und den Menschen mit seinen Bedürfnissen in den Mittelpunkt stellen. Das gelte sowohl für die anvertrauten Menschen als auch für die Mitarbeitenden. Aufgabe der Führungskräfte sei es, Menschen für Diakonie zu begeistern und Mitarbeitende an der Verantwortung zu beteiligen, sagte Herbert Blum. Dafür sei es wichtig, ihnen Gestaltungsräume zu geben, um gemeinsam Diakonie zu prägen zu können, so Dagmar Wegener. Matthias Scheller hob die gute und enge Zusammenarbeit in der Coronapandemie hervor: „Wir haben jeden Tag darum gerungen: Wie können wir diese Krise meistern? Diese Bereitschaft zusammenzustehen, hat mich sehr beeindruckt.“

Diakonie als Auftrag

Um den diakonischen Auftrag ging es auch in der zweiten Diskussionsrunde. Im Austausch waren Prof. Dr. Ralf Dziewas, Lehrstuhl für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie an der Theologischen Hochschule Elstal und im Aufsichtsrat der Immanuel Albertinen Diakonie, Dr. med. Frauke Ishorst, Leitung Fachbereich Ethik im Konzernbereich Seelsorge/Theologie/Ethik, Martina Kringe, Pflegdirektorin im Immanuel Krankenhaus Berlin und Sprecherin der Pflegefachkonferenz im Konzern, sowie Andreas Mende, Geschäftsführer Beratung + Leben und Mitglied im Aufsichtsrat des Evangelischen Werks für Diakonie und Entwicklung (EWDE). Die Moderation übernahm Pastor Christoph Stiba, Generalsekretär des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, zu dem die Baptisten Schöneberg gehören.

Ein besonders wichtiger Auftrag in Zeiten von Pandemie, Fachkräftemangel und Kostensteigerungen sei die Fürsorge für die Mitarbeitenden. „Wir müssen ganz intensiv darüber nachdenken: Wie stärken wir die Menschen, damit sie im diakonischen Gedanken auch weitermachen können?“, betonte Frauke Ishorst. Dafür sei es wichtig, in Beziehung zu gehen, zuzuhören und zu versprechen, an den Problemen zu arbeiten, auch wenn es keine Patentlösungen gebe. Martina Kringe bestätigte, dass es immer schwerer geworden sei, die Balance zwischen der eigenen Erschöpfung als Pflegekraft und den Bedürfnissen der Patientinnen und Patientinnen zu finden. Laut Andreas Mende seien auch die Beratungsstellen durch eine stark wachsende Nachfrage gefordert, immer mehr ratsuchenden Menschen zu helfen.

Fürsorge und Gestaltungsfreiräume für Mitarbeitende 

Ralf Dziewas betonte, gerade in der aktuellen Situation mache es ein diakonisches Unternehmen aus, dass Mitarbeitende es mit ihren Kompetenzen mitgestalten können. „Das macht einen Arbeitgeber auch attraktiv, wenn man nicht nur dazu da ist, um Finanzen zu generieren oder Dienste abzudecken, sondern wenn man diese Dienste auch gestalten kann, auf jeder Stufe der Hierarchie“, so der Theologe.

Für die nächsten 75 Jahre wünschten die Diskutierenden der Immanuel Albertinen Diakonie ein kontrolliertes Wachstum mit dem Blick auf Mitarbeitende und Gemeinnützigkeit, damit Menschen sich weiterhin für Diakonie begeistern und Menschen gut versorgen können. Dazu sei es wichtig, weiterhin den Mut der Gründerinnen und Gründer zu haben und im Gottvertrauen Dinge zu gestalten. Die angeregten Diskussionen boten genügend Gesprächsstoff für den anschließenden geselligen Empfang bei Waffeln und Punsch.

Wie vom Himmel geschickt

Das Jahresthema des Bundes „Dich schickt der Himmel“ erlebte die EFG Meppen ganz praktisch. Seit Februar macht Azat Zhumadilov (21) aus Kirgistan in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), hauptsächlich im Kinder- und Jugendbereich.

Als nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine geflüchtete ukrainische Kinder auch in Meppener Schulen kamen, fragte Ilka Mittelbach, die ehrenamtlich sowohl in der EFG als auch in ihrem Stadtteil an der Grundschule aktiv ist, Azat um Hilfe bei der Betreuung dieser Kinder. Das FSJ wird von der niedersächsischen Lotto-Sport-Stiftung als Hilfe für Integration gefördert, und so stand für Gemeindepastor Hajo Rebers sofort fest, Azat dort im Rahmen seines FSJ einzusetzen. „Dass wir einen russischsprachigen FSJler aus Kirgistan haben, der auch schon gut Deutsch spricht, kommt für diese Kinder doch wie vom Himmel geschickt!“, findet er. Für Ilka Mittelbach sei Azat eine große Hilfe, weil sie sonst kaum mit den ukrainischen Kindern kommunizieren könnte. Für Hajo Rebers bestätigt sich damit auch das Wagnis, als kleine Gemeinde zu Corona-Zeiten ein FSJ anzubieten. Nun leiste Azat mehrfach in der Woche einen wichtigen Dienst, von dem vorher niemand wissen konnte. Die Gemeinde hat 93 Mitglieder.

Du bist ein Gott, der mich sieht

Am 15. Januar wäre Martin Luther King 94 Jahre alt geworden. Für die Bürgerrechtsbewegung in den 1950er und 1960er Jahren war er eine der wichtigsten, vielleicht die wichtigste Persönlichkeit überhaupt. Er gilt als Wegbereiter für den Civil Rights Act zur Aufhebung der Rassentrennung und den Voting Rights Act, ein Gesetz, durch das die Benachteiligung von Minderheiten bei der Teilnahme an den US-Wahlen aufgehoben werden sollte. Der Baptistenpastor stand und steht für das Prinzip der Gewaltlosigkeit. Er wurde 1968 im Alter von nur 39 Jahren ermordet. Auch 55 Jahre nach seinem Tod lohnt es sich, sich an ihn zu erinnern.

„Du bist ein Gott, der mich sieht“ lautet die Jahreslosung für dieses Jahr. Hagar, der Magd Abrahams und Sarahs, werden diese Worte zugeschrieben, als sie – erst gebraucht und dann verstoßen –  schwanger und allein in der Wüste saß. Sie war eine Sklavin, rechtlos, mittellos und Abraham und Sarah willkürlich ausgeliefert. Martin Luther King jr. war keine Magd, auch kein Fremdling oder Flüchtling – so die Bedeutung des semitische Namen Namens Hagars. Sein Urgroßvater war zwar noch als Sklave nach Amerika gekommen, aber Martin Luther King hatte seinen Beruf frei wählen dürfen, war gut ausgebildet und finanziell abgesichert. Und trotzdem hatte er nicht dieselben Rechte wie andere – weiße – US-amerikanische Bürger und wurde nicht gleich behandelt. Mit seinem besten Freund aus Kindertagen durfte er nicht mehr spielen, nachdem der weiße Junge eine andere weiterführende Schule besuchte als er selbst. Öffentliche Einrichtungen verfügten über getrennte Eingänge für „white people“ und „coloured people“, es gab getrennte Sitzplätze im Nah- und Fernverkehr, getrennte Parkbänke und unterschiedliche Behandlung der Menschen vor Gericht – je nachdem welche Hautfarbe sie hatten.

Kings Glaube an Gott und die Botschaft der Bibel waren Ursprung und Grundlage für seinen lebenslangen Kampf gegen diese Ungerechtigkeiten. Bei Gott „finden sich Gefühl und Wille sowie Antworten auf die tiefsten Sehnsüchte des menschlichen Herzens. Dieser Gott hört und erhört unser Gebet“, schrieb er einmal. „Du bist ein Gott, der mich sieht“ war für Martin Luther King aber nicht nur die individuelle Zusage an einen einzelnen Menschen, sondern an die Gesellschaft und schließlich an die Menschheit weltweit. Deshalb beschränkte er sich nicht auf den Kampf gegen die Rassentrennung, sondern sprach sich auch gegen den Krieg in Vietnam aus, wollte den Armen eine Stimme geben und die soziale Ungerechtigkeit bekämpfen. Und deshalb bezog er die Aufforderung aus dem Matthäusevangelium „Liebet Eure Feinde“ sowohl auf zwischenmenschliche als auch auf politische Beziehungen.

Kings Berufsleben begann mit einer Pastorenstelle in der Dexter Avenue Baptist Church in Montgomery. Bereits während dieses Gemeindedienstes machte er deutlich, dass Evangelium für ihn nicht nur bedeutete, sich um geistliche Belange zu kümmern, sondern auch zu politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen Stellung zu beziehen.

Wie es dann weiterging ist bekannt: Ausgelöst durch die Verweigerung der schwarzen Näherin Rosa Parks, vom für Weiße bestimmten Platz im Bus aufzustehen, startete ein Busboykott in Montgomery. King wurde erst zum Leiter der Kampagne um diesen Boykott und dann zur Führungs- und Symbolfigur der Bürgerrechtsbewegung, was weltweite Bekanntheit mit sich brachte.

King stand im Licht der Öffentlichkeit. Für Hagar bedeutete „Du bist ein Gott, der mich sieht“ auch Trost, weil sie von ihren Mitmenschen nicht gesehen, nicht wahrgenommen wurde. Martin Luther King wurde wahrgenommen. Seine Berühmtheit half ihm bei seinem Engagement, brachte ihn aber auch in Gefahr. Er und seine Familie waren massiven Drohungen, Beleidigungen und gezielten Attentaten ausgesetzt. Nicht nur einmal überlegte King aufzuhören: „Ich wollte den Kampf aufgeben. [Ich] grübelte darüber nach, wie ich von der Bildfläche verschwinden könnte, ohne als Feigling zu erscheinen. In diesem Zustand äußerster Mutlosigkeit legte ich Gott meine Not hin. In diesem Augenblick erlebte ich die Gegenwart Gottes wie nie zuvor. Mir war, als hörte ich eine innere Stimme, die mir Mut zusprach: ‚Stehe auf für die Gerechtigkeit! Stehe auf für die Wahrheit! Und Gott wird immer an deiner Seite sein!‘ Ich war bereit, allem ins Auge zu sehen.“ – Gott sah Martin Luther King in seiner Not und in seinem Zweifel. Das half King, seine Mission weiterzuführen.

„Du bist ein Gott, der mich sieht“ – das gilt für Hagar, für King, für jeden und jede. Und es hilft dabei, sich angesichts persönlicher Not und der Not anderer Menschen nicht unwichtig und hilflos zu fühlen.
Der Rassismus ist noch nicht überwunden, die Polarisierung der Gesellschaft verschärft sich und die Schere zwischen Arm und Reich wird stetig größer. Die Werte Kings sind ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod genauso wichtig wie zu seinen Lebzeiten. Deshalb gilt es auch heute, nicht zu schweigen oder wegzusehen, sondern gegen Hass und Ungerechtigkeit einzutreten – auch wenn es unbequem ist.

Das Chormusical Martin Luther King, das Kings Engagement für Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit zum Thema hat, geht 2023 wieder auf Tournee. Unser Bund ist bei dieser Mitmachveranstaltung – wie auch beim letzten Mal – Kooperationspartner. Ein Besuch der Aufführung lohnt sich und für einige Veranstaltungsorte werden auch noch Sängerinnen und Sänger für den großen Laienchor gesucht, der das Musical mitgestaltet.

Auf der Beerdigung Kings im April 1968 wurde ein Ausschnitt aus einer Predigt vorgespielt, die er noch im Februar des gleichen Jahres gehalten hatte. Darin beschreibt er, wie er den Menschen nach seinem Tod in Erinnerung bleiben möchte. Es gehe ihm nicht um seine Auszeichnungen und Errungenschaften, sondern um seine Versuche „die Hungrigen zu speisen“, „die Nackten zu kleiden“ und „die Gefangenen zu besuchen“: „Ich möchte, dass ihr sagt, dass ich versucht habe, die Menschheit zu lieben und ihr zu dienen.“

Das Apostolikum

Zwischen der Vorrede und dem eigentlichen Text der „Rechenschaft vom Glauben“ steht das Apostolische Glaubensbekenntnis. Das ist ein bedeutsamer Umstand. Das Apostolische Glaubensbekenntnis, kurz auch Apostolikum genannt, wurde laut der Vorrede dem eigentlichen Text vorangestellt, weil es als Voraussetzung für ihn angesehen werden soll. Das Apostolikum ist also ein Bestandteil der „Rechenschaft vom Glauben“.

Das muss als ein ökumenisches Signal verstanden werden. Das Apostolikum wird, wie die Vorrede ausdrücklich sagt, „als gemeinsames Bekenntnis der Christenheit“ zum Teil der baptistischen „Rechenschaft“. Ganz korrekt ist diese Aussage allerdings nicht. Das Apostolikum ist ein gemeinsames Bekenntnis nicht der gesamten Christenheit, sondern nur der abendländischen, lateinisch geprägten Christenheit. Die morgenländische Christenheit, d.h. die orthodoxen und altorientalischen Kirchen, haben es nicht in Gebrauch. Das hängt mit seiner Entstehung zusammen.

Viele einzelne Aussagen des Apostolikums stammen aus dem 1. und 2. Jahrhundert der Kirchengeschichte und sind darum auch in den Ostkirchen anerkannt. Seine jetzige Form hat das Apostolikum aber erst im 5. Jahrhundert in der westlichen Kirche gefunden. Es geht wohl nicht, wie man lange annahm, auf ein römisches Taufbekenntnis des 3. Jahrhunderts zurück, sondern auf ein Bekenntnis, das der Theologe Marcell von Ancyra Mitte des 4. Jahrhunderts dem Bischof von Rom vorgelegt hatte. Dies Bekenntnis wurde nur in der lateinisch-sprechenden Kirche verbreitet, und deshalb kam das Apostolikum auch nur hier in kirchlichen Gebrauch. Die aus der griechisch-sprechenden Alten Kirche stammenden Ostkirchen verwenden an seiner Stelle das sog. Nicänum, das Glaubensbekenntnis der beiden ersten gesamtkirchlichen Konzile von Nicäa 325 und Konstantinopel 381 n. Chr.

Dennoch ist Annahme und Gebrauch des Apostolikums durch Baptisten ein ökumenisches Signal, weil Baptisten dadurch mit allen anderen evangelischen Kirchen sowie mit der altkatholischen Kirche und der römisch-katholischen Kirche verbunden sind. Die Verfasser der „Rechenschaft“ machen durch die Integration des Apostolikums in ihren eigenen Text und durch den entsprechenden Hinweis in der Vorrede deutlich, dass Baptisten sich als Teil einer größeren Christenheit verstehen und nicht meinen, ganz allein die Wahrheit erkannt zu haben. Ein genau entsprechendes Signal wurde auch 1905 auf der Gründungsversammlung des Baptistischen Weltbunds in London gesendet. Der englische Versammlungsleiter Alexander MacLaren bat in der Eröffnungssitzung alle Teilnehmer, mit ihm zusammen das Apostolische Glaubensbekenntnis zu sprechen. Dieses Bekenntnis ist also Teil des baptistischen Glaubens.

Was sagt das Apostolikum über den Inhalt des christlichen Glaubens? Insgesamt so viel, dass wir hier nicht im Einzelnen darauf eingehen können. Nur auf folgende wenige Punkte möchte ich aufmerksam machen.

Die Vorrede der „Rechenschaft vom Glauben“ sagt zu Recht: „Das apostolische Glaubensbekenntnis nimmt Glaubensaussagen des Neuen Testaments auf.“ Die Aussagen des Apostolikums sind nicht nur sämtlich biblisch begründet, sie werden auch in einer schlichten biblischen Sprache dargeboten. Darum kann man dieses Bekenntnis tatsächlich als eine knappe Zusammenfassung der biblischen Geschichte und Botschaft gebrauchen. Weil es so bibelgesättigt ist, nimmt es auch keine Rücksicht auf theologische Debatten. Manche Christen ärgern sich etwa über das „geboren aus der Jungfrau Maria“, anderen wiederum scheint gerade dieser Satzteil der beste Prüfstein für Rechtgläubigkeit zu sein. An beides haben aber weder die Bibel noch das Bekenntnis ursprünglich gedacht.

Man kann dieses oder jenes im Apostolikum vermissen. Pfingstler und Charismatiker werden möglicherweise bedauern, dass die Charismen nicht erwähnt sind, Baptisten, dass die Taufe übergangen wird, Reformierte, dass kein Wort über die Gebote gesagt wird, Lutheraner, dass die Rechtfertigung aus Glauben nicht angesprochen ist, und Katholiken, dass die Bischöfe und der Papst nicht genannt werden. In der Tat: Das alles fehlt. Wenn eine heutige ökumenische Kommission ein Bekenntnis formulieren würde, käme dabei gewiss etwas viel Ausführlicheres heraus. Ob man das dann aber noch im Gottesdienst gemeinsam sprechen könnte, ist mehr als fraglich.

Das Apostolikum enthält übrigens auch keine Aussage über die Dreieinigkeit Gottes. Es bezeugt sie aber dadurch, dass es dreigegliedert ist, nach Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. Nur bei diesen dreien spricht das Apostolikum von „glauben an“. Das gilt auch für den dritten Teil. Man sollte das „an“ hier nicht über den Heiligen Geist hinaus auf „die heilige christliche Kirche“ und das Folgende beziehen. Vielmehr will das Bekenntnis sagen: „Ich glaube die heilige christliche Kirche“, im Sinne von: „Ich glaube, dass sie und alles Folgende eine Wirkung und Gabe des Heiligen Geistes sind“. Und genau das ist es auch.

Erschienen in: Die Gemeinde 26/2022, S.31-32.

Ewiges Leben in der neuen Schöpfung

Der letzte Abschnitt der Rechenschaft vom Glauben (RvG) trägt den Titel „Gottes neue Welt“. In ihm geht es um die Hoffnung, dass Gott die Menschheit und seine anderen Geschöpfe am Ende zu dem Ziel führen wird, das er für sie vorgesehen hat.

Die RvG sieht das von Gott gewollte Ziel der Menschheit darin, dass sie auf ewig in enger Gemeinschaft mit Gott leben darf. Und um diesen Zustand zu beschreiben, greift die RvG biblische Gleichnisse und Bilder auf und spricht von der „paradiesischen Erde, von der himmlischen Stadt, von des Vaters Haus und vom neuen Abendmahl als Zeichen und Unterpfand der verheißenen Herrlichkeit“. Dabei macht sie zugleich deutlich, dass auch die christliche Gemeinde nicht in der Lage ist, „die Vision des neuen Himmels und der neuen Erde angemessen zu erfassen und zur Sprache zu bringen“.

Wichtig ist der RvG dabei aber, dass Gottes neue Schöpfung eine „Welt auferstandener, verwandelter und verklärter Leiblichkeit“ sein wird. Es wird hier also keine jenseitige, rein geistige Hoffnung auf eine engelgleiche Existenz im Himmel zum Ausdruck gebracht. Es wird vielmehr eine lebensvolle Vision einer verwandelten Körperlichkeit gezeichnet, die nicht mehr von Leiden, Tränen, Sünde oder Einsamkeit gekennzeichnet ist. Und in dieser erneuerten Schöpfung wird dann auch die Kreatur, also alle Mitgeschöpfe des Menschen, ihre vollkommene Erlösung finden.

Schaut man auf die in der Randspalte abgedruckten biblischen Verweistexte, so fällt auf, dass diese allesamt dem Neuen Testament entnommen sind. Dabei wird vor allem auf die letzten Kapitel der Offenbarung verwiesen. Es ist jedoch misslich, dass dort nur Offenbarung 21,9-27 und 22,1-2 genannt sind, denn die für den inhaltlichen Text der Rechenschaft maßgeblichen Aspekte der Vision, dass das himmlische Jerusalem auf die Erde herabkommt und Gott in der Mitte seiner Geschöpfe Wohnung nimmt, und dass es dort keinen Tod und kein Leid mehr geben wird, finden sich bereits in Offenbarung 21,1-4.

Dass die auf ewiges Leben angelegte neue Schöpfung Gottes eine auferstandene und verwandelte körperliche Lebensweise beinhaltet, belegt die RvG mit Verweisen auf 1. Korinther 15,28.42-49. Auch dieser Verweis ist zu eng, denn der gesamte Abschnitt 1. Korinther 15,35-58 dient dazu, den Korinthern klarzumachen, dass die zu erwartende neue Leiblichkeit der Auferstandenen sowohl mit der des vorherigen Lebens verbunden sein wird (aus einem Weizenkorn kann nur eine Weizenähre hervorgehen, keine andere Frucht V. 38f), als auch, dass der neue Leib zugleich eine unsterbliche und ewige, also veränderte Form haben wird (V. 43f).

Eine Stärke dieses Abschnitts der RvG ist, dass sie die erwartete Erlösung nicht auf die Menschheit begrenzt sieht, sondern deutlich macht, dass sie alle Geschöpfe dieser Welt umfassen wird. Es geht darum, dass auch „die Kreatur Glück und Erfüllung findet“ und erst dies das „der endgültige Sieg der Ehre und Herrlichkeit Gottes“ sein wird. Erst wenn alle gemeinsam „in Ewigkeit Freude, Friede, Gerechtigkeit und Glückseligkeit, Anbetung und Schauen Gottes“ leben, wird die Schöpfung erlöst sein.

Leider sind zu dieser Perspektive der vollendeten Schöpfung Gottes gar keine Bibelstellen am Rand aufgeführt. Zumindest hätte auf Römer 8,18-23 verwiesen werden müssen, denn in diesem Abschnitt beschreibt Paulus, dass die gesamte Schöpfung voll Seufzen darauf wartet, „von der Sklaverei und Verlorenheit befreit zu werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (V. 21). Und auch die prophetische Literatur der hebräischen Bibel bietet eine ganze Reihe von eindrücklichen Bildern, in denen der friedliche Charakter der erneuerten Schöpfung beschrieben wird. So wohnt in der prophetischen Heilsvision in Jesaja 11,6-8 der Wolf beim Lamm, während der Panther beim Böcklein lagert, Kalb und Löwe miteinander grasen und der Löwe Stroh frisst wie das Rind (vgl. auch Jes 65,18-25). Und in Offenbarung 5,13 stimmen sogar die nicht sprachfähigen Geschöpfe im Wasser und unter der Erde mit in den ewigen Lobpreis Gottes ein. Sollte es einmal zu einer Überarbeitung der RvG kommen, sollten zumindest diese Bibelstellen mit in die Verweise aufgenommen werden, um deutlich zu machen, dass die hier beschriebene Hoffnung für eine erlöste Schöpfung eine klare biblische Basis hat.

Was die RvG in ihrem letzten Abschnitt bewusst offenlässt, ist die Frage, wie der Weg zu dieser Vollendung der Schöpfung führen wird. Dazu hat es in der Geschichte der Christenheit und auch des Baptismus sehr verschiedene Vorstellungen gegeben, die hier aber nicht thematisiert werden. Wenn die RvG das biblische Reden vom neuen Himmel und der neuen Erde aufnimmt, macht sie aber deutlich, dass die Verwirklichung des Erlösungszustandes für alle Geschöpfe eines machtvollen Handelns Gottes bedarf. Nur der, der die Welt erschaffen hat, ist dazu in der Lage, sie so zu verwandeln und zu erneuern, dass sie am Ende seinem guten Willen ganz entspricht und alle Geschöpfe auf ewig miteinander in Frieden leben.

Die in der RvG herausgestellte gemeinsame Hoffnung für die Schöpfung steht noch aus, hat allerdings bereits weitreichende Konsequenzen für unsere Selbstwahrnehmung als Menschen angesichts der aktuellen globalen Herausforderungen. Wir sind nicht die einzigen, zum Heil bestimmten und eingeladenen Geschöpfe. Wir werden nur gemeinsam mit unseren Mitgeschöpfen Anteil an der vollendeten Gottesherrschaft erlangen. Bis dahin bleiben wir als zur Sünde fähige und zum Glauben eingeladene Geschöpfe aber verantwortlich für diese, bereits heute existierende Schöpfungsgemeinschaft mit allen anderen Lebewesen, denen Gott Anteil an der ewigen Herrlichkeit seiner Herrschaft geben will.

Einladung zum Weiterdenken

1. Welche Aspekte meines jetzigen leiblichen Lebens erhoffe ich mir auch für das ewige, vollendete Leben in Gottes Gegenwart?

2. Was bedeutet das Wissen um die gemeinsame Erlösung für unseren Umgang mit der Tierwelt im Blick auf Arten- und Klimaschutz, Ernährungsweise und Haustierhaltung?

Erschienen in: Die Gemeinde 26/2022, S.28-29.

Das „Jüngste Gericht“ muss sein!

Der Christus zur Rechten Gottes wird kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Das bekennt die Christenheit. Dass es ein Gericht geben muss und geben wird, entspricht dem Glauben an den einen, gerechten Gott. Und wie geht das aus?

An das Thema „Gericht“ gehen wir nicht unbefangen. Bekenntnisse, Vorstellungen und Bilder aus der Kirchengeschichte stecken in uns. Man kann sich darüber streiten. Weil die „letzten Dinge“ nicht in unserer Hand sind, bringt das nicht viel. Aber irgendwie muss ja zum Ausdruck gebracht werden, was man aufgrund des biblischen Zeugnisses glaubt.

Schon die frühe Kirche diskutierte, was zu glauben sei: der Glaube an das ewige Heil für die einen und die ewige Gottesferne für die anderen. Oder der Glaube, dass letztlich alle Welt im Frieden Gottes ankommt. Im Jahr 553 hat das Konzil von Konstantinopel festgelegt, dass die Lehre der „Allversöhnung“ (in der Ewigkeit wird alles für alle gut) als Ketzerei zu verwerfen ist. Der Glaube an ein Fegefeuer, das auch die Bösen für den Himmel reinigt, bot ein Schlupfloch. Man mochte es dann doch irgendwie nicht glauben, dass Fehlverhalten und das fehlende irdische Bekenntnis zu Christus auf ewig Gottesferne verursachen.

Wer das Neue Testament zum Thema „Gericht“ befragt, trifft auf Vielfalt: Es ist dem Menschen gesetzt zu sterben, danach kommt das Gericht. Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. Wer den Sohn hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht ins Gericht. Gott wird sich aller Menschen erbarmen und ihnen das Heil schenken. Was also soll die christliche Gemeinde bekennen? Am Ende der Zeiten sind die einen im Himmel und die anderen in der Finsternis? Oder zum Schluss gibt es Heil und Frieden auf der ganzen Linie?

Das Gericht muss es geben um Gottes willen. Es geht auf dieser Welt nicht gerecht zu. Das Problem löst sich auf Erden und zu Lebzeiten nicht. Wir sterben über den Zuständen und Umständen dahin. Wenn Gott in dieser Zeit keine Gerechtigkeit schafft, muss es im Jenseits geschehen.

Gericht muss es aber auch um des einzelnen Menschen willen geben. Herr, schaffe mir Recht, ist biblisches Gebet. Da geht es nicht um abstrakte Fragen zum Gericht Gottes. Wir sehen, dass Menschen ihrer Würde beraubt wurden. Menschen ertrinken, verhungern, sterben in Kriegen, Katastrophen und bei Unglücken. Muss Gott nicht dafür sorgen, dass es eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt? Gericht muss es geben, damit der leidende Teil der Menschheit, ob in der Vergangenheit oder in der Gegenwart, zu seinem Recht kommt. Unser Glaube an einen gerechten Gott führt zwangsläufig zur Frage nach einem letzten Gericht. Dass es ein Gericht geben wird und geben muss, darauf kann man sich aufgrund der biblischen Texte einigen.

Aber wie geht es aus? Mit dem Augenblick des Todes ist ein Leben „un-widerruflich“ (Otto Weber). Man kann nichts mehr dazu tun, nichts mehr weg tun, nichts mehr in Ordnung bringen. Es steht dann abschließend fest mit allem, was gut war, und mit allem, was böse war. All das kommt einst zur Sprache. Dass es im Gericht ein Urteil geben wird, ist auch klar. Was wird dabei herauskommen? Schuldig! Wir wissen, dass wir schuldig geworden sind und dass wir schuldig geblieben sind. Neben den vielen individuellen Zusammenhängen leben wir in ungerechten Strukturen dieser Welt. Wir werden gegen unseren Willen mitschuldig. Auf der anderen Seite war in einem Leben auch nicht alles schlecht und böse. Auf manches könnte man auch stolz sein. Aber das soll man ja nicht.

Also schuldig sind wir. Spannend wird ja dann die Frage nach dem Strafmaß. Oder nach den mildernden Umständen. Oder nach einer Auf- und Verrechnung der Ereignisse eines Lebens. Mit solchen Überlegungen sind wir in Teufels Küche gelandet. Wir können das ja nicht voraussehen, was und wie der Richter der Völker klären wird. Wir sind keine Sachverständigen oder Gutachter, keine Staatsanwälte, keine Ankläger und keine Verteidiger. Wir können uns Gottes richtendes Handeln nur so vorstellen, wie wir altes orientalisches oder abendländisches oder neuzeitliches Gerichtswesen kennen. Aber ist es angemessen, Gottes Richten mit irdischen Prozessordnungen zu vergleichen?

Die „Rechenschaft vom Glauben“ bringt die neutestamentliche Ambivalenz zum Ausdruck: „Wer Gottes Liebe verwirft, den wird Gott verwerfen.“ Und: „Wir preisen die Liebe Gottes, dessen Wille das Heil der Welt ist.“ Wir können es nicht wissen, wie Gott letztendlich entscheidet. Wenn er es wirklich tut, dass Menschen ewig verdammt sind – können wir ihn hindern? Und wenn er es wirklich tut, dass jedes Leben in ihm heil wird – wäre das nicht ein Grund zur Freude? Die Rechenschaft bekennt sich zu beiden Möglichkeiten, ohne die Spannung ausdrücklich zu benennen. Und sie vermeidet es, es besser zu wissen als die Vielstimmigkeit der Heiligen Schrift. Die alten Lager von „Allversöhnung“ und „ewiger Verdammnis“ stehen sich weiter gegenüber. Wobei im evangelischen Mainstream inzwischen der Glaube an eine Hölle verketzert wird.

Christen vertrauen, dass sie aus der Gemeinschaft mit Gott nichts reißen kann. Das ist unwiderruflich. Aber wird auch eine bewusste oder unbewusste Ablehnung Gottes mit dem Tod unwiderruflich? Soll der Zeitpunkt des Todes oder gar der Tod selbst das Recht haben, das letzte Wort über unsere Ewigkeit zu sprechen?

Wie man in Sachen Ausgang des Gerichts glaubt, hat natürlich Auswirkungen auf die Verkündigung. Wer an ewige Verdammnis glaubt, wird retten wollen, was sich retten lässt. Wer an Gottes ewige Liebe glaubt, wird Menschen genau dahin einladen. Ich glaube, dass Menschen ihre Gemeinschaft mit Gott, die ihnen durch Jesus Christus geschenkt wurde, in die Ewigkeit mitnehmen. Wer an Jesus glaubt, der ist gerettet. Dieser Glaube trägt im Leben und im Sterben. Und was ist nun mit denen, die einen solchen Glauben nicht fanden? Das Urteil über die Ewigkeit anderer Leute sollten wir dem überlassen, dem wir für unser Diesseits verantwortlich sind.

Einladung zum Weiterdenken
  • Die Rede von Gott als dem Richter scheint aus der Mode gekommen zu sein. Warum eigentlich? Und wie kann man heute angemessen vom richtenden Handeln Gottes sprechen?

  • Wie kann man Menschen begleiten, die einen geliebten – aber ungläubigen – Mitmenschen oder Angehörigen verloren haben?

  • Warum interessiert es überhaupt, wie das Gericht für andere ausgeht?

  • Welche Bedeutung hat der Gedanke an eine letzte Verantwortung vor Gott in der praktischen Gestaltung meines Glaubens und des Lebensstils?

Erschienen in: Die Gemeinde 25/2022, S.12-13.

Das Menschenbild im digitalen Wandel - Referat und Austausch

Digitale Medien und Technik umgeben uns täglich und die meisten Menschen sowie Gemeinden haben zumindest ihren groben Umgang damit gefunden. Viele Arbeitsweisen haben sich ins Digitale gewandelt. In wie weit aber hat auch die digitale Transformation uns als Menschen, unser Menschenbild verändert? Am 24. November trafen sich online 30 Teilnehmende, um dieses Thema zu bewegen. Dazu referierte Pastor Daniel Mohr, Leiter der Akademie Elstal und Referent für Theologie & digitalen Wandel. Er stellte neun gesellschaftliche Trends vor, welche durch die Digitalisierung ausgelöst oder verstärkt wurden. Exemplarisch sei die Neuaufstellung von sozialen Gruppen genannt. Durch die digitale Vernetzung sind diese nicht mehr zwangsläufig durch lokale Nähe begründet, sondern werden verstärkt durch gemeinsame Interessen definiert. Dadurch können auch ehemalige Außenseiter der Gesellschaft viel einfacher Gleichgesinnte finden. Die Gesellschaft wird dadurch aber auch fragmentarischer und Ansichten werden häufig in sogenannten Bubbles einseitig verfestigt.

Dem Referat folgend gab es einen Austausch der Teilnehmenden, die ihre Erfahrungen und ihren Umgang mit solchen Themen in den Gemeinden diskutierten. Dabei wurde deutlich, dass der rasante gesellschaftliche und speziell der digitale Wandel eine aufmerksame Auseinandersetzung erfordern. Für das Gemeindeleben liegen in diesen Entwicklungen sowohl viele Chancen als auch Risiken.

Der aufgenommene Vortrag ist hier zu finden.

BEFG strebt organisatorische Neuaufstellung an

Um seine Arbeit solide für die Zukunft aufzustellen, überprüft der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) seine Struktur und gestaltet sie neu. In einem breit angelegten, partizipativen und professionell begleiteten Prozess werden ab 2023 zunächst die Abläufe auf regionaler und überregionaler Ebene analysiert. Danach wird bis Ende 2024 ein tragfähiges Modell für die Bundesstruktur entwickelt und mit der Umsetzung begonnen. „Während ‚Struktur‘ erst einmal technisch klingt, ist unser Anliegen auch ein geistliches“, betont BEFG-Generalsekretär Christoph Stiba.

„800 Gemeinden bringen das Evangelium von Jesus Christus zu den Menschen“, so Stiba. „Die Bundesstruktur existiert, um dieses Ziel der Bundesgemeinschaft zu fördern.“ In den letzten Jahren seien jedoch zunehmend Probleme deutlich geworden. „Wo die Art, wie Dinge organisiert sind, das gemeinsame Anliegen nicht mehr ausreichend fördert, müssen wir neue Perspektiven entwickeln. Es geht in diesem Prozess daher um eine gründliche und umfassende Neuausrichtung der gesamten Bundestruktur, um die Inhalte, die uns als Bundesgemeinschaft wichtig sind, zu stärken.“ Der Prozess, den das Präsidium des Bundes beschlossen habe, beziehe Menschen aus allen Bereichen ein, so Stiba: „Ehren- und Hauptamtliche aus Gemeinden, Landesverbänden und der überregionalen Arbeit sind an allen Stellen mit dabei.“

Der systemische Organisationsentwickler Dr. Stefan Lingott, der in den letzten Jahren auch die strukturelle Neuaufstellung der Evangelischen Allianz in Deutschland angeleitet hat, wird den Prozess, der im Januar 2023 beginnt und 18 bis 24 Monate dauern soll, federführend begleiten. Zudem wird Christoph Bartels, ebenfalls systemischer Organisationsentwickler und zuletzt Gemeindereferent einer BEFG-Gemeinde, als interner Prozessbegleiter ab dem kommenden Frühjahr diesen Zukunftsprozess koordinieren. Etwa alle vier Wochen wird sich eine zehnköpfige Projektgruppe treffen, der auch BEFG-Präsident Michael Noss, Jürgen Tischler als Sprecher der Landesverbandsleitungen und andere haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende angehören werden. Alle zwei Monate trifft sich die Projektgruppe, in der alle Überlegungen zusammenlaufen, mit den rund 20 Personen einer erweiterten Projektgruppe. Etwa zwei Mal im Jahr gibt es ein Plenumstreffen, bei dem 100 Menschen über die Analyse und später über Zukunftskonzepte beraten. Zudem wird es zu speziellen Fragen Treffen von Arbeits- und Interessengruppen geben. „Wir glauben, dass wir das Ziel, die Bundesstruktur für die Zukunft fit zu machen, gemeinsam erreichen können durch die Unterstützung von zwei Profis, die unseren Bund gut kennen. Der Prozessaufbau ermöglicht es uns, die ganz unterschiedlichen Interessen bei unseren Planungen zu berücksichtigen“, wie Christoph Stiba hervorhebt. (Skizze: Geplanter Ablauf des Prozesses)

Der Generalsekretär betont auch, was zu diesem Zeitpunkt feststeht – und was nicht: „Wir haben einen ausgefeilten Plan, wie wir den Prozess angehen, aber in welche Richtung er uns führt, das ist vollkommen offen. Das werden wir mit einer breiten Beteiligung und stets mit Blick auf die Ziele, die wir als Kirche haben, gemeinsam entwickeln. Das bedeutet auch, dass wir inhaltliche Projekte wie Revitalisierung und Gemeindeneugründung oder Gesprächsprozesse wie ‚Im Dialog zum Kreuz‘ oder Programme wie nxtchapter und Upgrade im Blick behalten und mit Nachdruck umsetzen werden. Unsere Arbeit und die Entwicklung unserer Bundesgemeinschaft legen wir unserem Herrn hin und bitten auch die Geschwister in den Gemeinden, dafür zu beten. Denn all unser Tun kann nur gelingen, wenn Gott seinen Segen dazu gibt.“

Über Entwicklungen bei „Unser Bund 2025 – Zukunft gestalten“ werden wir auf befg.de/2025 berichten.

Evangelium und gesellschaftliche Verantwortung

Am 12. November hat sich der neu formierte Beirat des Präsidiums „Evangelium und gesellschaftliche Verantwortung“ zum ersten Mal getroffen. Die Mitglieder blickten dankbar auf die bisherige Arbeit des gleichnamigen Arbeitskreises zurück und sammelten Themen zur Weiterarbeit.

Mit einem festlichen veganen Menü wurden die neuen Mitglieder des Beirats und die Mitglieder des ehemaligen Arbeitskreises „Evangelium und gesellschaftliche Verantwortung“ willkommen geheißen und verabschiedet. Generalsekretär Christoph Stiba würdigte das Engagement des Arbeitskreises und dankte den Mitgliedern: „Es gehört zu unserer Verantwortung für die Welt, in gesellschaftlichen Debatten Positionen zu entwickeln, die sich am Evangelium orientieren, und der Arbeitskreis hat das in seinen Stellungnahmen und Debattenbeiträgen kompetent getan.“ Auch im Namen des Präsidiums dankte er den Mitgliedern des ehemaligen Arbeitskreises und betonte im Hinblick auf die neu berufenen Mitglieder, das Präsidium freue sich, dass sie „an den wichtigen Fragen unserer Zeit“ weiterarbeiten.

„Bereits seit den 80er Jahren gab es einen Arbeitskreis ‚Gemeinde und Weltverantwortung‘. Nach seiner Auflösung wurde 2008 der Arbeitskreis ‚Evangelium und gesellschaftliche Verantwortung‘ gegründet“, berichtete Reinhard Assmann, Gründungsmitglied des Arbeitskreises. Die Themen des Kreises seien nach wie vor aktuell. Eine Friedensethik und die Bewahrung der Schöpfung hätten schon damals auf der Tagesordnung gestanden.

Frank Hellberg, der gemeinsam mit Jasmin Jäger den Beirat leitet, betonte, dass die Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals/SDGs) weiterhin eine wichtige Rolle im Beirat haben würden. Daneben sammelten die Mitglieder weitere Themen wie Demokratie, Pflegenotstand und den Umgang mit der älteren Generation, Gerechtigkeit, Migration und Gesellschaft. Außerdem gehörten Schöpfungsverantwortung sowie Krieg und Frieden dazu. Die Mitglieder waren sich zudem einig, dass die Themen für die Gemeinden vor Ort relevant aufbereitet werden sollen.

Mohsen Kornelsen zum BEFG-Pastor ordiniert

Am 1. Advent wurde in der EFG-Ingolstadt Mohsen Kornelsen zum Pastor des BEFG ordiniert. Er kam vor acht Jahren aus dem Iran nach Deutschland. Nicht nur in der Gemeindearbeit vor Ort, auch in umliegenden Städten und über das Internet ist es ihm ein Anliegen, farsisprachige Menschen für den christlichen Glauben zu begeistern.

Mohsen Kornelsen kommt aus dem Iran. Als überzeugter Moslem war er früher sogar nach Mekka gepilgert. 2014 führte ihn sein Weg als Asylbewerber nach Deutschland. Im Asylbewerber-Wohnheim kam er in Kontakt mit dem christlichen Missionar Sokol Hoxha von „Jugend mit einer Mission“ und bekehrte sich zu Jesus Christus.

Mittlerweile ist er verheiratet mit Irene Kornelsen. Sie haben drei Söhne. Relativ rasch begann er mit einem theologischen Fernstudium. In den letzten drei Jahren hat Mohsen Kornelsen an der Akademie Elstal das Pastorale Integrations- und Ausbildungs-Programm (PIAP) absolviert.

Die Ordination am 27. November erfolgte durch Pastor Thomas Klammt, Referent für Integration und Fortbildung an der Akademie Elstal. In seiner Predigt über Jesu Einzug in Jerusalem verglich er den Dienst eines Pastors mit dem der Eselin: Ziel ist es, Jesus als Friedefürst zu den Menschen zu tragen.

Bereits seit mehreren Jahren leitet Mohsen Kornelsen iranische Bibelkreise in Landsberg, Augsburg, Landshut, Straubing und auch in der EFG Ingolstadt. Hier hilft er farsisprachigen Christen im Glauben zu wachsen. Aus allen Gemeinden waren Vertreter bei seiner Ordination anwesend.

Wie stark vernetzt Pastor Mohsen Kornelsen mittlerweile ist, zeigte sich an den zahlreichen Gottesdienstbesuchern, die von weit her gekommen waren: Pastor Amir Javadzadeh von Mohabat-TV war extra aus London angereist. Er sang sehr bewegend das „Vater unser“ auf Persisch. Amir Paryari, Pastor des BEFG in der EFG-Mainz, übersetzte die Ordinationsfragen auf Persisch.

Bereits vor zwei Jahren hat Mohsen Kornelsen das Missionswerk „Imandaran“ (www.imandaran.com) gegründet: Zusammen mit Pastor Amir Paryari sind sie mit christlichen Beiträgen im Internet präsent und erreichen so zahlreiche Menschen im Iran mit dem Evangelium. In keinem anderen Land der Welt wächst das Christentum zurzeit so schnell wie im Iran!

Im Gottesdienst wurde zum Abschluss intensiv gebetet für die Situation der Menschen im Iran und in Afghanistan. Anschließend kam man zu einem gemeinsamen Mittagessen zusammen.

Gemeinsam gestalten – nach biblischen Grundsätzen

Ein wertschätzendes Miteinander der Generationen in der Gemeindearbeit, die Stärke der Ökumene, die politische Situation im Iran, das politische Engagement und die Rundfunkarbeit der Freikirchen – dies und einiges mehr war Thema bei der Mitgliederversammlung der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF). Am 29. und 30. November kamen hierzu rund 25 Delegierte im thüringischen Bad Blankenburg zusammen. In einem Festgottesdienst wurde die Apostolische Gemeinschaft als neues Vollmitglied aufgenommen.

„Die Bibel empfiehlt einen wertschätzenden Umgang für alle Lebensbezüge. Diese geistliche Dimension sollte das heutige Geschehen in unseren Gemeinden und Kirchen im Miteinander von Familien und Generationen ergänzend, heilsam und segnend prägen.“ Ausgehendend von diesem Grundsatz stellten Peter Krusemark, Helmut Bürger und Reinhard Schumacher von der VEF-Arbeitsgruppe „Ältere Generationen“ Anliegen für die Arbeit mit älteren Menschen in der Gemeinde vor. Zunächst sei es wichtig, die Unterschiedlichkeit der älteren Menschen wahrzunehmen und wertzuschätzen. Schließlich gehe es hier um verschiedene Generationen, von den Anfang 60-Jährigen bis zu den Hochbetagten. Es gelte, die Fähigkeiten und Kompetenzen der Älteren als Ressource zu erkennen und zu nutzen, ihre aktive Teilhabe am Gemeindeleben zu fördern, Hauptamtliche hierfür zu befähigen und alle damit verbundenen Fragen regelmäßig in Tagungen zu behandeln. Zudem gehe es darum, ältere Menschen mit dem Evangelium zu erreichen. In der Diskussion wurde auch auf Herausforderungen wie etwa Konflikte zwischen Menschen verschiedener Generationen in der Gemeindearbeit eingegangen. Die Delegierten stellten sich hinter die Anliegen und hoben die Bedeutung eines guten Miteinanders der Generationen hervor. Die Aufgabe der älteren Generation sieht die Mitgliederversammlung vor allem in der Ermutigung der Jüngeren und im Gebet. Die Mitgliederversammlung dankte der Arbeitsgruppe – insbesondere auch Daniela Knauz, die die Leitung vor kurzem an Peter Krusemark abgegeben hat.

In einem Festgottesdienst wurde die Apostolische Gemeinschaft als 13. Vollmitglied der VEF aufgenommen. VEF-Präsident Christoph Stiba und die Gäste aus der Apostolischen Gemeinschaft hoben die Kraft ökumenischer Zusammenarbeit hervor. In seiner Predigt beschrieb der VEF-Beauftragte Konstantin von Abendroth die „wunderschöne Grundlage, die uns verbindet“.  Hier können Sie eine Meldung zum Festgottesdienst lesen. Die Mitgliederversammlung fand im Gästehaus der Deutschen Evangelischen Allianz statt. Auch deren Geschäftsführer Dr. Reinhardt Schink hob den Wert des Miteinanders der Konfessionen hervor: „Christen unterschiedlicher Prägung brauchen einander, um Antworten auf die entscheidenden Fragen zu finden.“

In einer offenen Austauschrunde äußerten die Delegierten ihre Sorge über die politische Situation im Iran, wo das Regime Proteste brutal niederschlägt. Viele freikirchliche Gemeinden haben in ihren Reihen Mitglieder und Gäste aus dem Iran. Bischof Harald Rückert berichtete über einen Farsi-Begegnungstag der Evangelisch-methodistischen Kirche in Süddeutschland, Christoph Stiba über ein Online-Treffen des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, bei dem für die Menschen in dem Land gebetet wurde. Die Mitgliederversammlung ermutigte die VEF-Kirchen und ihre Gemeinden, im Gebet an die Situation zu denken und für die iranischen Geschwister da zu sein.

Fester Bestandteil jeder Mitgliederversammlung sind, neben Informationen über die Finanzen, Berichte des Vorstands sowie der Beauftragten. Konstantin von Abendroth, VEF-Beauftragter am Sitz der Bundesregierung, berichtete über seinen Dialog mit Politikerinnen und Politikern über Themen wie Entwicklungspolitik oder assistierten Suizid. Zudem sprach er über die Interkulturelle Woche und lud die freikirchlichen Gemeinden ein, mit einer Teilnahme an dieser Aktion ein Zeichen gegen Rassismus und für Gleichberechtigung zu setzen. Die Rundfunkbeauftragte Jasmin Jäger informierte die Delegierten über ihre Planungen von ZDF- und Deutschlandfunk-Gottesdiensten. Präsident Christoph Stiba berichtete über personelle Veränderungen. So ist als Delegierte der VEF in der Arbeitsgemeinschaft für ökumenisches Liedgut Karola Vierus, Kirchenmusikerin der adventistischen Theologischen Hochschule Friedensau, auf Günter Balders, ehemaliger Professor für Kirchengeschichte an der Theologische Hochschule Elstal, gefolgt. Prof. Dr. Thomas Hahn-Bruckart, der an der Universität Rostock Kirchengeschichte lehrt, wurde von der VEF in die Historische Kommission zur Erforschung des Pietismus entsandt.

Markus Heusser stellte der Mitgliederversammlung die Aktion Ostern neu erleben vor. Die Initiatoren von 24x Weihnachten neu erleben wollen den Menschen mit der neuen Initiative Ostern nahebringen. Ihr Anliegen sei es, Hoffnung weiterzugeben, den Funken der Osterfreude überspringen zu lassen und Menschen zu ermutigen, das Osterfest gemeinsam zu feiern, so Heusser. Dafür gibt es kostenloses Material, das Gemeinden helfe, Menschen mit Jesus in Verbindung zu bringen – von Predigtideen und Videoimpulsen über Gesprächsleitfäden und ein Buch bis hin zu einem Mini-Musical und einer kreativen Eierbox als Geschenk für Nachbarn und Freunde.

Die Delegierten trugen auch zusammen, an welchen Stellen sich Christinnen und Christen aus Freikirchen am Evangelischen Kirchentag 2023 beteiligen werden. Er findet vom 7. bis 11. Juni in Nürnberg statt und steht – in Anlehnung an das Bibelwort aus Markus 1,15 – unter dem Motto „Jetzt ist die Zeit“. An vielen Stellen arbeiten „Freikirchler“ offiziell in der Vorbereitung mit und gestalten das Programm. Der Ticketverkauf hat bereits begonnen. Die Mitgliederversammlung ermutigt Menschen aus Freikirchen, mit dabei zu sein!

Beratertreffen: Prävention gegen ein Gemeinde-Burnout

Mit einer ausgesprochen positiven Resonanz der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ging am 7. November das diesjährige Treffen des Netzwerks „Beratung von Gemeinden“ mit ungefähr 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in der Gemeinde Kassel-West zu Ende. Neben Beraterinnen und Beratern aus dem Netzwerk nahmen auch einige Mitglieder aus Landesverbandsleitungen teil.

Mit dem Thema „Prävention gegen ein Gemeinde-Burnout“ wurde offenbar ein Nerv getroffen. Denn nicht nur einzelne Personen, sondern auch ganze Gruppen und Organisationen können ein sogenanntes Burnout erleben. Auch in Gemeinden erleben Mitarbeitende Phasen, in denen Zeit und Energie immer knapper werden und die Freiheit Neues anzugehen, anscheinend verloren gegangen ist. Diesen Erschöpfungszustand kann man manchmal nicht mehr mit eigenen Ressourcen positiv verändern.

Für dieses aktuell relevante Thema konnte das Netzwerk „Beratung von Gemeinden“ mit Silke Sommerkamp eine Referentin gewinnen, die sowohl Erfahrungen als Gemeindepastorin und Lehrerin mitbringt, als auch ein hohes Maß an Kenntnis und Reflexion durch ein Promotionsprojekt zum Thema „Spiritualität in der Gemeindeberatung“. Darin setzt sie sich auch mit Fragen zur „erschöpften Kirche“ beziehungsweise zum „organisatorischen Burnout“ auseinander. So legte sie unterschiedliche Ursachen dar, die zu einem solchen Erschöpfungszustand führen können: Als „externer Systemstress“ werden Einwirkungen von außen auf die Gemeindearbeit bezeichnet, wie zum Beispiel die Corona-Pandemie oder die steigenden Energiepreise. „Internen Systemstress“ verursachen unpassende Strukturen, Machtkämpfe innerhalb der Gemeinde und ähnliches. Als Beispiel für „endogenen Identitätsstress“ nannte Sommerkamp die Situation, wenn etwa die Sinnfrage der Gemeindearbeit nicht mehr beantwortet werden kann. Silke Sommerkamp forderte die Beraterinnen und Berater auf, für diese Stress-Situationen Beispiele aus ihren Gemeindeberatungen zu besprechen. ###3_IMAGES###In Hinblick auf die Gemeindeberatung gab Silke Sommerkamp verschiedene Ansatzpunkte und Impulse in das Plenum. So plädierte sie etwa mit Tobias Faix für die Idee eines Sabbatjahres für Gemeinden. Gemeindeberaterinnen und Gemeindeberater könnten die Gemeinde dabei unterstützen, auch „einen Raum der Leere auszuhalten“. Wichtig sei dabei eine gute Balance zwischen „Tun und Lassen“, so dass man weder in die „Beschleunigungsfalle“ gerate, noch in die „Trägheits“- oder „Korrosionsfalle“: „Als einzelne Christen leben wir in der Spannung, dass alles schon getan ist, wir ohne jedes Zutun geliebt sind und doch durch unserer Tun Jesus folgen wollen und darum nicht einfach passiv bleiben. Genauso ist auch die Gemeinde ohne jedes Zutun von Gott geliebt und gewollt und fragt doch immer wieder danach, was ihr Auftrag in der je spezifischen Situation in dieser Welt ist. Dabei braucht es gerade diese Freiheit und Gelassenheit, die Gott schenkt, um auch Neues zu wagen.“

Konkrete Handlungsmöglichkeiten für die Gemeindeberatung kennenzulernen, war darüber hinaus in Workshops möglich: „Unbewusste Organisationsmuster erkennen, Gemeinde Burnout vorbeugen“ hieß das Workshop-Angebot von Hans Günter Simon und bei Thorsten Graff ging es um: „Potenziale entfalten statt Probleme wälzen: Appreciative Inquiry, ein ressourcenorientierter Beratungsansatz“. ###3_IMAGES###Interessant war es, im Rahmen des Beratertreffens gerade zu diesem Schwerpunktthema auch zu dem „Projekt:Revitalisierung“ unseres Bundes ins Gespräch zu kommen. Im Interview machte Benno Braatz, Regionalreferent im Dienstbereich Mission, deutlich, dass dies keineswegs ein Kontrastprogramm zur Burnout-Prävention sei. Er warb dafür: „Ohne in Aktionismus zu verfallen bieten die ‚7 Merkmale einer vitalen Gemeinde‘ ein gutes Handwerkszeug, begrenzte Ressourcen zielgerichteter einzusetzen, um dem Abwärtstrend einer Gemeinde entgegenzuwirken.“

Im Netzwerk „Beratung von Gemeinden“ sind aktuell 69 Beraterinnen und Berater akkreditiert. Zwischen Januar und Oktober 2022 nahmen rund 70 Gemeinden mit dem Netzwerk Kontakt auf. Es werden in einigen Regionen noch Beraterinnen und Berater gesucht, etwa in Bayern und in den östlichen Landesverbänden. Wer Gemeindeberatung nutzen möchte, beispielsweise für Klausurtage oder Teamcoachings, für Gesprächsprozesse oder Zukunftswerkstätten, Konfliktlösungen oder Entwicklungsthemen kann sich an gemeindeberatung@baptisten.de wenden.

„Gemeinsamkeiten erkennen und stärken“

Die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) hat die Apostolische Gemeinschaft als Vollmitglied aufgenommen. Zur VEF gehören nun 13 Mitgliedskirchen und zwei Gastmitglieder. In einem Festgottesdienst im thüringischen Bad Blankenburg hoben Präsident Christoph Stiba und die Gäste aus der Apostolischen Gemeinschaft die Kraft ökumenischer Zusammenarbeit hervor. In seiner Predigt beschrieb der VEF-Beauftragte Konstantin von Abendroth die „wunderschöne Grundlage, die uns verbindet“.

Der Beauftragte der VEF am Sitz der Bundesregierung predigte in dem Gottesdienst am 29. November über 1. Johannes 5,4: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Die VEF-Kirchen seien „in dem Ziel vereinigt, destruktive Dynamiken zu überwinden“, die global und hierzulande allgegenwärtig seien – bis in das individuelle Leben von Menschen hinein.  Basis der Zusammenarbeit der Freikirchen sei der Glaube an Jesus Christus, so Konstantin von Abendroth: „Nicht wir lösen uns aus den Dynamiken, sondern die Liebe Gottes hat diese Macht. Gott hat die Welt überwunden, indem er in sie hineingekommen ist. Diese Perspektive mag uns immer wieder die Kraft geben, aktiv zu werden, in unserer Arbeit für unsere Gemeindebünde und die VEF, im Engagement für die Menschen in unserer Nachbarschaft, für die Gesellschaft.“

Präsident Christoph Stiba hieß die Apostolische Gemeinschaft als Vollmitglied herzlich willkommen und betonte, wie wichtig es sei, diese Basis immer wieder in den Mittelpunkt zu stellen und – wie es in der VEF-Ordnung heißt: „Gemeinsamkeiten mit anders geprägten Kirchen besser zu erkennen und zu stärken“. Im ökumenischen Miteinander von Kirchen aus unterschiedlichen Traditionen stecke eine gesellschaftsprägende Kraft, so Stiba. Ulrich Hykes, Vorsitzender des Vorstands und Sprecher der Kirchenleitung der Apostolischen Gemeinschaft sowie Delegierter seiner Kirche in der VEF, beschrieb diese Kraft mit dem Bild eines Stahlseils. So wie die einzelnen kleinen Drähte zusammen ein starkes Seil bildeten, so könne man in der Ökumene gemeinsam etwas erreichen: „Mit unserem Glauben, unserer Hoffnung und unserem Engagement wollen wir uns in das ‚Stahlseil‘ einbringen und dazu beitragen, dass es stärker wird.“ Nach der gemeinsamen Abendmahlsfeier überreichte Stiba die Insignien Teller und Kelch als Zeichen der Verbundenheit durch Jesus Christus.

Die Apostolische Gemeinschaft hatte seit 2013 den Beobachterstatus und war seit 2015 Gastmitglied der VEF. Den Prozess bis zur Vollmitgliedschaft seiner Kirche vorangebracht hat deren ehemaliges Leitungsmitglied Detlef Lieberth. Er betonte im Festgottesdienst die Bedeutung der Ökumene auf Ortsebene. Wo man trotz unterschiedlicher Ansichten in einzelnen theologischen Fragen „das Wagnis“ eingehe, sich mit Menschen aus anderen Kirchen auf den Weg zu machen, entstehe Segen. Auch Bischöfin Elke Heckmann und Gemeindereferent Matthias Ludwig berichteten aus ihrer Arbeit vor Ort, wie das Miteinander von Gemeinden das christliche Zeugnis stärkt.

„Es knistert wieder in der Gemeinde“

 „Es knistert wieder in der Gemeinde. In den Beziehungen der Mitglieder tut sich etwas“, so erlebt Gemeindereferentin Heike Kling die ersten spürbaren Veränderungen in ihrer Gemeinde. Die EFG Hannover-Roderbruch ist eine von insgesamt 37 Gemeinden, die an dem Projekt:Revitalisierung des Dienstbereichs Mission teilnimmt. Zu Weihnachten bittet der Bund traditionell um Spenden zur Förderung der Mission in Deutschland.

Bei dem Projekt werden die Gemeinden von erfahrenen Coaches begleitet, um eine Trendwende zu schaffen oder sich neu zu erfinden. Ziel ist, dass die Gemeinden ihren missionarischen Auftrag wieder neu entdecken, mit Leben füllen und ihre Türen weit für ihre Mitmenschen öffnen.

So war es auch für Heike Kling und die Gemeindeleitung „nach menschlichem Ermessen nur eine Frage von wenigen Jahren, bis sich die Türen der Gemeinde zum letzten Mal öffnen. Dazu reicht ein Blick ins Mitgliederverzeichnis. Aber ich bin irgendwie getrieben von einer übernatürlichen Hoffnung – und andere auch – dass dem nicht so sein wird!“ Die ersten Erfahrungen scheinen das zu bestätigen.

Auch in der EFG Berlin-Spandau fand ein erstes Treffen im Rahmen des Projekt:Revitalisierung statt. Ausschlaggebend für die Teilnahme war hier keine akute Krise, sondern die Frage, wie die Gemeinde in zehn Jahren aussieht, wenn der Betrieb so bliebe, wie er ist. „Wir haben viele langjährige Mitglieder und dadurch auch viel Gewohnheit in unserer Gemeinde“, so formuliert es Charlotte Fehmer, die Ansprechpartnerin für den Erneuerungsprozess ist. Gerade durch Corona hätte der Fokus stark auf den Gottesdiensten gelegen und der Frage, wie man erhalten kann, was da ist. Dabei wünschten sich viele Veränderung. „Die Herausforderung liegt für uns jetzt darin, Gewohntes wertzuschätzen und trotzdem Neues zu wagen.“

Auch für den Gemeindepastor Dirk Lüttgens geht es dabei um „neues Denken und Ausprobieren. Diese Mentalität tut allen gut.“ Dabei sei es wichtig, früh genug zu handeln. „Wenn man auf eine vitale Gesundheit achtet, dann passt man doch auch auf, was man isst, wieviel man sich bewegt und guckt genau, was einem guttut. So kommt es auch in einer gesunden Gemeinde zu Änderungen des Lebensstils. Wenn man erst auf der Intensivstation liegt, ist es ziemlich spät, um Dinge zu ändern. Sinnvoller Verzicht und gelegentliches Einschränken ermöglichen neues Verhalten: Was hilft uns, was tut uns und anderen gut und bringt uns weiter?“

In der Spendenbitte des Bundes lädt Generalsekretär Christoph Stiba dazu ein, die vielfältige Arbeit des Dienstbereichs Mission mit einer Weihnachtsspende zu unterstützen und damit unter anderem Gemeinden zu fördern, die mit einer Revitalisierung neu durchstarten wollen. „Wir wünschen uns, dass es in allen unseren rund 800 Gemeinden knistert – und zwar nicht nur wegen der zahlreichen Adventskerzen und Weihnachtsdekoration, sondern weil unsere Mitmenschen Gottes Liebe spürbar erfahren!“ 

Theologischer Grundkurs Süd gestartet

Die Südkursgruppe des Theologischen Grundkurses startete am Wochenende 11. bis 13. November 2022. 17 Teilnehmer:innen aus verschiedenen Freikirchen trafen sich im bbz in Stuttgart-Giebel. Bis Juli 2024 werden sie zusammen mit den Lehrer:innen Robert Hoffmann, Steffen Peterseim, Rainer Zimmerschitt und Almuth Zipff mit Bibel, Theologie und Glaube auseinandersetzen.

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