Bund Ev.-Freikl. Gemeinden

Seminartag in Göttingen

In den letzten Jahren sind viele Menschen aus muslimischem Hintergrund, insbesondere aus dem Iran und Afghanistan, zum Glauben an Jesus Christus und in unsere Gemeinden gekommen. Nun wollen sie im Glauben wachsen und lebendige Glieder am Leib Christi sein. Was hilft ihnen dabei? Welche Rolle spielt ihr kultureller und religiöser Hintergrund? Welche Herausforderungen bringt die Freiheit mit sich? Wie kann in Gemeinden ein lebendiges und versöhntes Miteinander eingeübt werden?

An diesem Seminartag hören wir von einem iranischen und einem deutschen Referenten mit Erfahrungen in der deutsch-persischen Gemeindeentwicklung. Wir tauschen uns aus über unsere Fragen und arbeiten an neuen Ideen und Materialien.

Zur Veranstaltung

Etwas verändern, statt nur auf die große Politik zu warten

Am Martin Luther King Day, der in den USA ein nationaler Feiertag ist, wurde auch in der Berliner Sophienkirche des berühmten amerikanischen Bürgerrechtlers und Baptistenpastors gedacht. Hier hatte King 1964 mit seiner Botschaft des gewaltfreien Einsatzes für Freiheit und Gleichbehandlung die Zuhörerinnen und Zuhörer begeistert. Unter den Rednern am 15. Januar in Berlin waren der Außenminister der ersten frei gewählten DDR-Regierung, Markus Meckel, und der Präsident des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, Michael Noss.
 
Weil es auch heute noch viel Hass in der Welt gebe, könne eine Rückbesinnung auf Martin Luther Kings Wirken Orientierung geben und Wandel bewirken, so Noss. „Es gilt, Andersartigkeit nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als bereichernde Vielfalt zu würdigen.“ Von King zu lernen bedeute, das eigene Umfeld zu verändern, statt nur auf die große Politik zu warten. King sei ein großes Vorbild darin gewesen, enormen Widrigkeiten zum Trotz Dinge zu bewirken, die das Leben von Menschen zum Guten veränderten: „Wenn ich etwas von Martin Luther King lerne, dann ist es das ‚Dennoch‘ – ich kann mein Umfeld verändern.“
 
Auch Markus Meckel, der Kings Rede in der nahen Marienkirche 1964 als Zwölfjähriger miterlebt hatte, machte deutlich, dass die Botschaft des US-Amerikaners 50 Jahre nach dessen Ermordung  nichts von ihrer Aktualität verloren habe. Meckel, DDR-Außenminister von April bis August 1990 und langjähriger Bundestagsabgeordneter, zog in seinem Grußwort einen Bogen von 1964 über die Wendezeit bis heute. Bei seinem Berlinbesuch habe King bereits die Botschaft der Friedlichen Revolution vertreten. 25 Jahre später sei Meckel bestürzt gewesen, als ihm berichtet wurde, dass mehrere Mosambikaner bei den friedlichen Demonstrationen 1989 wegen ihrer Hautfarbe massiv ausgegrenzt wurden: „Im Aufbruch der Freiheit gleichzeitig die Erfahrung von Diskriminierung machen, das muss uns natürlich nachdenklich stimmen.“ Auch heute erlebe man diese Tendenz immer wieder, beispielsweise in der Pegida-Bewegung, so Meckel: „Wir müssen diese Menschen abholen auf dem Weg der Freiheit, zu dem immer auch die Freiheit der Andersdenkenden gehört und die Freiheit derer, die anders aussehen.“ Es gelte, Menschen zusammenzubringen, indem man sie in ihrer Würde und ihrer Freiheit ernstnehme, „wer auch immer sie sind: Es ist eine bleibende Botschaft von aktueller Relevanz.“
 
Frank Williams, Pastor der afroamerikanischen PFF Pentecostal Church of Berlin, bezeichnete den Einsatz gegen Rassismus und Diskriminierung als konfessionsübergreifende Aufgabe aller Kirchen: „Es kommt nicht darauf an, ob ich katholisch oder evangelisch bin, sondern darauf, ein Herz für Menschen zu haben.“ Martin Luther King selbst habe mit vielen Kirchen weltweit gearbeitet. Zentraler Kern seiner Botschaft sei dabei stets die Menschenwürde gewesen: „King glaubte, dass jeder Mensch ganz besonders ist. Der Schlüssel ist, die besondere Gabe jedes Einzelnen hervorzuholen und für andere wirksam werden zu lassen. Das geht nur durch die Liebe Gottes.“
 
Veranstaltet wurde die Gedenkfeier vom „Martin Luther King Memorial – SCLC-Komitee“ unter Leitung von Michael Markus Schulz, der ein Zeitzeuge des Berlinbesuchs Martin Luther Kings ist.

Seminar für Angehörige homosexueller Menschen

Vom 24. bis 26. November trafen sich in der Akademie in Elstal 14 Menschen, darunter mehrere Ehepaare. Sie kamen vorrangig aus Baptistengemeinden, aber auch aus einer FeG und einer Pfingstgemeinde. Eine Ehefrau eines schwulen Mannes war dabei, sonst ging es um Kinder, die schwul/lesbisch/trans sind. Im Referent*innen-Team waren Jens Mankel als Akademie-Referent für Seelsorge und Psychologie, Dagmar Wegener aus der EFG Berlin-Schöneberg, Oliver Pilnei als Akademieleiter und Christian Wagner und Thomas Fricke für Zwischenraum (www.zwischenraum.net).

Die Atmosphäre war durchgehend sehr offen und vertrauensvoll. Die Vorstellungsrunde am ersten Abend zeigte viele bewegende Einzelschicksale. Es wurde deutlich, dass in den Gemeinden und teilweise auch im Freundeskreis eine absolute Sprachlosigkeit zu diesem Thema herrscht. Bei 95% der Menschen wusste niemand aus der Gemeinde und teilweise auch aus dem Freundeskreis, dass sie an diesem Seminar teilnehmen! Umso wichtiger war es für die Teilnehmenden, an dieser Stelle miteinander und mit den Referenten ins Gespräch zu kommen.

Nach einem Impuls zum Thema Bibel und Homosexualität bekamen die Teilnehmenden am Samstag einen Einblick, wie die Gemeinde Berlin-Schöneberg den Meinungsbildungsprozess zum Thema Homosexualität gestaltet hat. Abends sahen wir den Film „Prayers for Bobby“, der für viele sehr bewegend war.

Am Sonntag haben wir zusammen einen Gottesdienst gefeiert, in dem an verschiedenen Stationen Möglichkeiten angeboten wurden, selbst etwas zu tun. Z.B. war es möglich, etwas auf einen Zettel zu schreiben und zu verbrennen, um es dazulassen. Die Teilnehmenden konnten einen Brief schreiben oder ein Bild gestalten. Und es gab die Möglichkeit der Einzelsegnung, die zahlreich genutzt wurde.

Die Rückmeldungen waren durchweg positiv. Eine Teilnehmerin sagte, dass sie das erste Mal seit 27 Jahren angstfrei über ihre Themen reden konnte. Von sehr vielen Teilnehmenden wurde ein Folgeseminar gewünscht. Unser Fazit war, dass wir in dieser Konstellation (Akademie/Zwischenraum/Baptisten Schöneberg) für das Frühjahr 2019 wieder ein solches Angebot planen möchten. 

Es war eine gesegnete Zeit für alle Beteiligten. Betet gern für die Teilnehmenden, die teilweise sehr heftige persönliche Geschichten erlebt haben, um Kraft. Und um Mut, ihr Thema auch in die Gemeinden einzubringen. Für uns ist erneut deutlich geworden, wie wichtig es ist, in Gemeinden Räume zu öffnen, in denen miteinander gesprochen werden kann: Über die Bibel und ihre Auslegung, Erfahrungen von Ausgrenzung und Willkommen sein, darüber, wie Gemeinde miteinander wachsen kann.

Von Lebensgeschichten, wie nur Jesus sie schreiben kann

Im November veranstaltete der österreichische Baptistenbund in Wien seine jährliche Missionskonferenz. Es war ein buntes Fest, wie Pastor Dietrich Fischer-Dörl in seinem persönlichen Bericht zeigt.

Das Thema „Liebe statt Furcht“ (gleichzeitig Titel des Buches der diesjährigen Rednerin Flor Namdar) lockte weit mehr Teilnehmer als in den vergangenen Jahren zu unserer Missionskonferenz. Hatten wir am Vortrag noch etwas über 100 Anmeldungen gehabt und mit 150 Gästen gerechnet, waren es Samstag zu Mittag schließlich  knapp 240, die sich im Donauhof einfanden. Und mit allen, die da waren, spannte sich der Bogen, in dem sich unser Bund bereits bewegt, sehr weit: Von Gemeinden, die in der Sprache Lingála ihre Gottesdienste feiern (Schwestern und Brüder aus dem Kongo, der Demokratischen Republik Kongo, aus Angola, der Zentralafrikanischen Republik etc.) über farsisprachige Teilnehmer, Besucher aus rumänischsprachigen, mongolischsprachigen und englischsprachigen Gruppen bis hin zu den verschiedenen deutschsprachigen Gemeinden von Salzburg bis Wien.

Der Vormittag und der frühe Nachmittag waren geprägt von der Lebenserzählung und einer Predigt von Flor Namdar, Pastorin einer farsisprachigen Gemeinde in Deutschland, die mit etlichen Farsi-Gruppen (Iranern, Afghanen) in Deutschland arbeitet. Flor hat nach einem exzessiv schiitisch-islamischen Glaubensleben ihren Glauben bereits als junge Frau aufgrund von Kriegs- und Missbrauchserfahrungen aufgegeben. Sie stieß dann in ihrer Heimat Iran auf evangelikale Christen und kam zum Glauben an Jesus. Als Mitarbeiterin der Iranischen Bibelgesellschaft wurde sie einige Jahre später auch in Deutschland bekannt. Nach einer Berufung in den Dienst an Kurden in Deutschland wechselte sie vor einigen Jahren zur Arbeit mit Iranern und betreut seither evangelikale Gruppen von Iranern und Afghanen in Deutschland. Die Predigt von Flor machte bildlich (anhand der fürs iranische Neujahrsfest typischen Linsen-Pflanzteller) deutlich, wie sehr die Gemeinde zusammengehört und als ganze Gemeinschaft in den Dienst an der Welt gerufen ist.

Zwei Lebenszeugnisse von Mitgliedern aus Wiener Gemeinden ergänzten den Vormittag. Der Nachmittag war als Musikfest gestaltet, und der weite Bogen der begabten Musiker und Musikerinnen, die ihre selbstgeschriebenen Lobpreislieder darboten, löste Begeisterung bei der ganzen Konferenz hervor. Als Gäste legten „Le Son de l’Evangile“ aus der Seestadt in Wien-Aspern mit Lingála-Songs vor. Aus der Gemeinde Beheimgasse trug eine Formation ein Lied aus eigener Feder vor. Eine mongolische Tanzgruppe führte einen Worshiptanz vor. Es gab ein Gedicht aus der farsisprachigen Gemeinde Adonai in Wien. Und es gab die Lobpreisgruppe aus derselben Gemeinde, die nicht nur ein eigens komponiertes Lied, sondern auch eine eigene Lobpreiszeit beisteuerte. In der gemeinsamen Anbetung wurde ein Stück unserer Bundesgemeinschaft deutlich.

Ein herzliches Dankeschön an alle, die diese Konferenz möglich gemacht haben!

Neu: Akademie im Gespräch

In der Akademie diskutieren wir mit Referenten und Expertinnen Themen, die Gemeinden und Gesellschaft bewegen. "Akademie im Gespräch" dokumentiert Auszüge aus solchen Fachgesprächen und bietet Schlaglichter und Meinungen zu verschiedenen Themen.

Im Vorfeld des Evangelischen Kirchentags 2017 forderte Innenminister de Maizière die Kirchen auf, sich mehr an der gesellschaftlichen Debatte über den Islam zu beteiligen. Kurz danach hatten wir als Referenten der Akademie die Gelegenheit, mit Dr. Friedmann Eißler (Wissenschaftlicher Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen im Referat für Islam und andere nichtchristliche Religionen) über unseren Umgang mit dem Islam und mit Muslimen zu diskutieren. Auf Fragen, die uns aus Gemeinden und Gesellschaft entgegen kamen, haben wir persönliche Antworten gegeben, die wir hier als Gesprächsbeitrag und Argumentationshilfe zur Verfügung stellen.

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„Die Welt mit Gottes Augen sehen“

Die Mitgliederversammlung der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) hat die 15 Gemeindebünde des Zusammenschlusses in einer heute veröffentlichten Erklärung dazu eingeladen, sich die Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals/SDGs) zu eigen zu machen und diese durch konkrete Maßnahmen zu unterstützen. „Unsere Hauptaufgabe als VEF sehen wir darin, das Evangelium von der Liebe Gottes in Wort und Tat zu den Menschen zu bringen. Dazu gehören die Einladung zum Glauben an Jesus Christus und die Sorge um unsere Welt, in der wir leben. Das Wohlergehen der Menschen ganzheitlich im Blick zu haben, ist unser Anliegen“, begründete VEF-Präsident Christoph Stiba das Papier. Zur Förderung der SDGs ist die VEF eine strategische Partnerschaft mit Micha Deutschland e.V. eingegangen.

Micha Deutschland-Koordinatorin Stefanie Linner zeigte in ihrem Vortrag vor der Mitgliederversammlung im hessischen Fuldatal auf, dass sich rund 3.150 Bibelstellen mit den Themen Gerechtigkeit und Armut beschäftigen: „Diese Stellen bilden einen durchgehenden Faden durch die Bibel.“ Micha Deutschland nehme diesen Faden auf, indem sich der Verein für die SDGs einsetze, so Linner: „Wir tun dies, indem wir befähigen, vernetzen und mobilisieren.“  

Der VEF-Beauftragte am Sitz der Bundesregierung, Pastor Peter Jörgensen, unterstrich die Bedeutung dieses Ziels: „Jesus selbst hatte ein von großer Liebe geprägtes Interesse an seinen Mitmenschen. Diesem Vorbild folgen wir. Dabei können die SDGs uns wichtige Impulse geben.“ Micha Deutschland vermittle diese Anliegen attraktiv und ohne einen moralisch erhobenen Zeigefinger, so Jörgensen. Doris Hege von der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden machte in der Diskussion deutlich, es gehe bei den SDGs im Kern auch nicht um Moral, sondern darum, „die Welt mit Gottes Augen zu sehen.“

In ihrer Erklärung ermutigt die Mitgliederversammlung die Kirchen dazu, die SDGs in Publikationen bekannt zu machen, ihnen in Bildungsangeboten einen festen Platz zu geben und sie in den Jugendwerken zu thematisieren. Darüber hinaus werden Bünde und Gemeinden eingeladen, Micha Deutschland ideell und finanziell zu unterstützen. In dem Papier verpflichtet sich die VEF, den Gemeinden Gottesdienstimpulse zu den SDGs zur Verfügung zu stellen und zu prüfen, „an welchen Stellen wir die SDGs in unserem kirchlichen Leben umsetzen können.“ Auch dem von Stefanie Linner in ihrem Vortrag unterstrichenen Grundsatz, dass nur gemeinsam etwas erreicht werden könne, widmet sich die Erklärung: „Wir wollen möglichst viele Menschen auf diesen Weg mitnehmen.“

Aktiv für Betroffene sexueller Ausbeutung

Der Vereinsvorstand und die Mitarbeiterinnen vom Netzwerk gegen Menschenhandel e.V. trafen sich Ende Oktober zu einem Klausurwochenende im Tagungshaus des CVJM in Kassel. Ziel des Wochenendes war es, sich mit verschiedenen aktuellen Themen auseinandersetzen und sich in der Arbeit und persönlich erneut auf Gott auszurichten. Ein Bericht von Andrea Kern.

Auf der Tagesordnung stand zu allererst die Reflexion von der vergangenen Konferenz vom European Freedom Network (EFN), welche vom 16.-19. Oktober in Berlin stattfand. Die EFN-Konferenz konzentrierte sich dieses Jahr unter dem Motto „With one Voice“ vor allem auf die Kommunikation und den Umgang mit Medien. Die hochkarätigen Sprecher und Sprecherinnen waren eine große Bereicherung. Besonders Rebecca Bender, selbst Betroffene von Menschenhandel, gab wertvolle Einblicke in die Situation der Betroffenen und wie wir sie am besten auf die Begegnung mit den Medien vorbereiten. Wir waren als Netzwerk Team stark involviert in die Organisation der Konferenz. Shannon von Scheele war dieses Jahr Teil des Leitungs-Teams und trug maßgeblich zur Umsetzung der Konferenz bei. Den Austausch mit den vielen Mitarbeitern aus anderen Organisationen und Ländern konnten wir sehr genießen. Es war sehr viel Input, der erst einmal verarbeitet werden muss, aber es war sehr bereichernd.

Außerdem tauschten wir uns über die neue Projektidee der Weiterentwicklung des Präventionsprogrammes „Liebe ohne Zwang“ aus. Wir haben vor, zusätzliches Material zu erstellen, das spezifisch auf Jungen zugeschnitten ist und weitere relevante Themen wie unter anderem Frauenbilder und Pornografie beinhaltet.

Heike Kötz berichtete vom aktuellen Stand des europäisch geförderten „German Integration Program für Survivors of Trafficking“ (GIPST). Das GIPST-Projekt ist ein zweijähriges von der EU gefördertes Projekt mit dem Ziel, die Identifikation und Integration von Betroffenen von Menschenhandel zu verbessern. Neben dem Netzwerk gegen Menschenhandel sind sieben weitere Organisationen aus Deutschland und Bulgarien daran beteiligt. Mit dem Kompass- -Programm hat GIPS, entwickelt. Über einen Zeitraum von acht Monaten werden sie begleitet auf dem Weg in ein neues Leben. Auf unserer Klausurtagung tauschen wir uns darüber hinaus, welche Chancen und auch Herausforderungen das Kompass-Programm mit sich bringen wird.

Die Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum

Mit einem Festakt am 31. Oktober in Wittenberg sind die Feierlichkeiten zu „500 Jahre Reformation“ offiziell beendet worden. Friedrich Schneider, Koordinator des BEFG und der VEF für das Reformationsjubiläum, zieht Bilanz. Er beschreibt, was gut gelaufen ist und wo Defizite lagen. Und er zeigt auf, dass Reformation auch über das Jubiläumsjahr hinaus weitergeht.

„Das Reformationsjubiläum als Christusfest ökumenisch zu feiern, war sicherlich ein Impuls, der an der Zeit war. Als evangelische Freikirchen, die ihre Wurzeln in der Reformation haben, war es uns ein Anliegen, das für uns und im Miteinander zu gestalten.“, so Christoph Stiba, der nicht nur Generalsekretär unseres Bundes, sondern auch Präsident der Vereinigung Evangelischer Freikirchen ist. Er meint weiter: „Als Präsident der VEF hätte ich mir gewünscht, dass das Zeichen der versöhnenden Kraft des Evangeliums durch eine breiter gedachte Ökumene noch stärker gewesen wäre. In vielen Fällen war Ökumene in der Öffentlichkeit dann doch nur bilateral.“ ###3_IMAGES###Die Weltausstellung zur Reformation in Wittenberg war ein Beispiel guter ökumenischer Zusammenarbeit – nicht nur im „Ökumene-Zelt“. „Von Martin Luther zu Martin Luther King“ lautete das Motto der Ausstellung in der Hoffnungskirche der Baptisten während des Reformationssommers. Die Roll-Ups „Reformation – #dagehtwas“ wurden durch weitere Tafeln zum Besuch von Martin Luther King 1964 in Berlin ergänzt, die der Baptist Daniel Schmöcker in seinem Projekt „King-Code“ gestaltet hat. Deutlich wurde: Das Eintreten für Menschenwürde und Bürgerrechte, freie Religionswahl und Freiheit von staatlicher Bevormundung in religiösen Fragen waren nun wahrlich nicht Errungenschaften der Reformation. Sie konnten erst später und vor allem durch freikirchlich geprägte Christen umgesetzt werden. Rund 2.000 Besucherinnen und Besucher kamen in die Hoffnungskirche – unter ihnen auch die Botschafterin des Reformationsjubiläums Pfarrerin Margot Käßmann mit einer Reisegruppe. Ehrenamtliche aus ganz Deutschland unterstützten das engagierte Team unserer Gemeinde, und neben der VEF förderte auch der Trägerverein der Reformationsausstellung das Projekt. Aber es gehört auch zur ehrlichen Bilanz, dass deutlich weniger Menschen Wittenberg – einschließlich unserer Ausstellung – besucht haben, als ursprünglich angenommen.  ###3_IMAGES###„Ökumenischen Rückenwind“, wie der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Bedford-Strohm in seiner Bilanz die Ergebnisse des Jubiläums nannte, gab es auch und vor allem in vielen regionalen und örtlichen Veranstaltungen. Die von Prof. Dr. Andrea Strübind, Carsten Hokema und mir erstellte Reformations-Ausstellung wurde über 20 Mal gedruckt und in vielen Gemeinden und öffentlichen Gebäuden eingesetzt. Dazu gab es zahlreiche Vorträge, Seminare und Gottesdienste. So wurde zum Beispiel in der EFG Weltersbach die Ausstellung bis Ende Oktober durchgehend präsentiert. Pastor Christoph Becker berichtet: „Ich habe dazu eine Reihe von Gottesdienstthemen formuliert, die jeweils den Gedanken einer Tafel aufnehmen. Dahinter steht die Frage, ob sich die Themen der Reformation nicht mit grundsätzlichen Phänomenen oder Prinzipien verbinden lassen, die zum Weg der Gemeinde seit den Anfangen gehören.“ Ähnlich nutzte Pastor Dr. Ulf Beiderbeck die Ausstellung in Bonn. Und er ergänzt: „Hier in Bonn binden wir die Ausstellung ökumenisch ein.“ In Westerstede wurde die Ausstellung im Rathaus gezeigt, worüber auch die Zeitung groß berichtete. In Oldenburg gab es unter anderem einen „Schwarzbrot-Tag“ mit theologisch „kernigen“ Vorträgen und Gesprächsgruppen zum Thema und evangelistische Gottesdienste zu den sogenannten „Solas“ der Reformation. Pastor Michael Lefherz bot in Potsdam eine Reihe unter dem Leitgedanken „Schätze der Reformation heben“ an. Pastor Lars Heinrich in Tübingen ergänzte die Ausstellung mit Predigtreihen zur täuferischen Tradition und zu Martin Luther King. Darüber hinaus wurden Mittelalter-Feste gefeiert und auch vielfältige Weise auch ökumenisch der Reformation gedacht. Weitere Beispiele sind in der November-Ausgabe von BUND AKTUELL nachzulesen.  ###3_IMAGES###„Martin Luthers reformatorische Einsichten wurden vielfach interpretiert und aktualisiert. Erstmals in der Geschichte war dies ein Jubiläum ohne nationalistische und antikatholische Stoßrichtung.“, so Bedford-Strohm weiter in einer epd-Meldung. Wir haben dabei gern mitgemacht, wenn es auch uns Freikirchen immer wieder darum ging, zu betonen, dass die Reformation keine „Ein-Mann-Show“ des Dr. Martin Luther war. Zur breiten Bewegung der Reformation gehörten nicht nur Vorläufer wie Jan Hus oder Zwingli und Calvin. In der Schweiz und in Süddeutschland waren die Anfänge der Reformation besonders durch die Täuferbewegungen geprägt. Es ist bedauerlich, dass nur in sehr wenigen Veröffentlichungen und Veranstaltungen die ganze Breite der Reformation deutlich wurde. 

Und Christoph Stiba bemängelt zu Recht, dass bei den großen und wichtigen Veranstaltungen der „ökumenische Rückenwind“ vor allem Kardinal Marx und Ratsbischof Bedford-Strohm beflügelt hat, die Freikirchen und orthodoxen Kirchen  aber häufig nicht einbezogen waren in die Gestaltung.

Auch der durchgehend zu vernehmende Jubelton wirkte auf manchen befremdend, verursachte die Reformation doch neben vielem Guten auch die blutige Verfolgung der Täufer, eine brutale Niederschlagung der Bauernaufstände, zahlreiche Pogrome gegen Juden und andere „Ketzer“ und schließlich den verheerenden Dreißigjährigen Krieg. Nur am Rande wurden selbstkritische Töne laut. Und ebenfalls weniger im Vordergrund war die Suche danach erkennbar, wie Reformation auf heute zu übertragen ist. Dabei muss eine Kirche, die sich selbst in einer kritischen Situation wiederfindet, doch neue Konzepte für eine sich reformierende Kirche der Zukunft entwickeln. Als Freikirchen haben wir uns beim Kongress „DYNAMISSIO“ engagiert, weil uns wichtig ist, uns auf den Auftrag als Christen zu besinnen und von diesem gemeinsamen Auftrag her Neues zu wagen.     ###3_IMAGES###Und wir haben immer wieder angemerkt, dass Freikirchen Ansätze der Reformation wie das „Priestertum aller Glaubenden“ oder die Gewissensbindung und freie Glaubensentscheidung konsequent weiterentwickelt und mutig umgesetzt haben – mutiger als es den beiden großen Kirchen in unserem Land möglich war.

Und das soll auch weiterhin unser Beitrag sein, uns in die Suche nach einer Kirche für morgen ins ökumenische und gesellschaftliche Gespräch einzubringen. Und dabei bleiben wir auch offen dafür, Reformation als bleibenden Auftrag an uns selbst zu verstehen und danach zu fragen, wie Gemeinde im Sinne Jesu heute gestaltet werden kann und muss.

Bibeltexte „abgestaubt“

„Baptisten wollen das Interesse für die Bibel wecken“, so stand es am 8. September 2017 im Wiesbadener Kurier in der  Vorankündigung der Bibeltage. Die Baptistengemeinde Wiesbaden veranstaltete die Tage in ihrer „Kirche überm Wellritztal“ gemeinsam mit der Immanuel Baptist Church, die ebenfalls in dem baptistischen Gemeindezentrum beheimatet ist. Zu einer größeren Verbreitung von Bibeln in deutscher Sprache kam es erstmals zur Zeit der Reformation vor 500 Jahren. Deshalb wurden die Bibeltage, vorbereitet unter der Leitung von Pastor Jochen Jäger, bewusst im Jahr des Reformationsjubiläums durchgeführt. Ein Bericht von Gemeindemitglied Stefanie Rieger.

Den Auftakt der beiden Veranstaltungswochen machte Prof. Dr. Michael Rohde, indem er für die Besucher Texte des Alten Testaments „abstaubte“. Seine Vortragsthemen waren „Meisterhaft – Jesus als Meisterschüler des Alten Testaments“, „Gut – Gutes Leben. Gott des Lebens. Was (Gemeinde)-Leben bewegt“ und „Begeistert – Zwischen Geistvergessenheit und Geistversessenheit“.

Beeindruckend war die Lebendigkeit, die den Gästen aus den doch oft verstaubt erscheinenden Texten des Alten Testaments durch die Auslegungen des ehemaligen Professors der Theologischen Hochschule Elstal entgegen funkelte. Die Zuhörer und Zuhörerinnen hatten viele Aha-Momente, wie zum Beispiel, dass „Leben“ aus dem Hebräischen übersetzt auch „Bewegung“ heißt und der Mensch kein Nomen, sondern ein Verb ist. Auch Herausforderndes kam zur Sprache: Weil Sterben zum Leben dazugehöre und der Mensch als einziges Lebewesen weiß, dass er sterben muss, sei es die Aufgabe der Kirche, die Kunst zu sterben zu fördern.

Ein weiteres Highlight war der Vortrag von Physikprofessorin Dr. Barbara Drossel von der TU Darmstadt mit dem Thema „Naturwissenschaft und christlicher Glaube – ein Gegensatz?“. Nicht nur, dass deutlich wurde, dass man Wissenschaft und Glauben beim Diskutieren nicht einfach vermischen darf, viele Beispiele brachten das große Auditorium neu zum Staunen über Gottes Genialität.

Bei einem gemeinsamen Gottesdienst der Immanuel Baptist Church und der Baptistengemeinde beeindruckten die persönlichen Zeugnisse aus beiden Gemeinden zum Thema „Mein Lieblingstext in der Bibel“ und die Dialogpredigt der beiden Pastoren Nick Howard und Jochen Jäger.

Lebhafte Diskussionen im Anschluss an die Referate und Gottesdienste während der Aktionstage machen Hoffnung, dass die Impulse nachwirken und Gemeinde und Gäste in Aktion bringen werden.

Für den Kindesschutz

Seit dem 1. Oktober gibt es im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) eine Anlaufstelle für Betroffene sexueller Gewalt. „Wir wollen damit ein deutliches Signal setzen, dass sexuelle Gewalt im Kontext unserer Gemeinden und der überregionalen Angebote für Kinder und Jugendliche nicht toleriert wird“, erläutert BEFG-Generalsekretär Christoph Stiba. Gemeinsam mit dem Gemeindejugendwerk (GJW) habe man sich bereits seit 2009 in der Präventionsarbeit engagiert,  jetzt sei es „ein konsequenter Folgeschritt, dass wir mit einer Anlaufstelle die Möglichkeit eröffnen, dass Betroffene sexueller Gewalt sich äußern und wir reagieren können.“

Menschen, die sexuelle Gewalt durch ehren- oder hauptamtliche Mitarbeitende in Gemeinden oder anderen Einrichtungen des BEFG erlebt haben, sollen bei der Anlaufstelle Beratungsangebote erhalten. Zudem sei es möglich, ein Beschwerdeverfahren in die Wege zu leiten, um das Verhalten des Täters oder der Täterin künftig zu unterbinden.

Dazu arbeitet der BEFG mit dem Verein N.I.N.A. zusammen, der die fachliche Leitung des „Hilfetelefons Sexueller Missbrauch“ innehat. Das Hilfetelefon sei die erste Anlaufstelle für Betroffene, erklärt Stiba. Die Gesprächspartner des Hilfetelefons „können zunächst völlig unabhängig vom BEFG beratend tätig werden und gemeinsam mit dem Anrufer herausfinden, was die nächsten Schritte sind. Sollte der Ratsuchende zu dem Entschluss kommen, ein Beschwerdeverfahren im BEFG auszulösen, werden die Berater beim Hilfetelefon ihm die Kontaktdaten der Berater der internen Anlaufstelle des BEFG weitergeben.“

Die Berater der internen Anlaufstelle sind Begleiter des Beschwerdeverfahrens und keine Mitglieder im BEFG. Durchgeführt wird das Verfahren von der jeweiligen Dienststelle, in der die beschuldigte Person tätig ist. Das Ergebnis könne zum Beispiel sein, dass die beschuldigte Personen entlassen werde oder keine Kinderfreizeiten mehr durchführen darf, so Christoph Stiba. Dadurch solle dann weiterer Missbrauch verhindert werden. „Wir wünschen uns, dass der Kindesschutz in unseren Gemeinden und Einrichtungen wirklich gegeben ist. Dabei ist uns der Schutz der Betroffenen wichtiger als der Schutz der eigenen Institution.“

„Freikirchliches“ Reformationsjubiläum in Wittenberg

„Von Martin Luther zu Martin Luther King“ heißt die Ausstellung der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF), die vom 1. Mai bis zum 14. September in der Evangelisch-Freikirchlichen Hoffnungskirche in Lutherstadt Wittenberg zu sehen war. Mitarbeitende der Hoffnungskirche und Ehrenamtliche aus ganz Deutschland führten die Besucherinnen und Besucher durch die Ausstellung. Auch in der ökumenischen Begegnungsstätte „These 62“ in der Wittenberger Innenstadt standen überwiegend freikirchliche Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner zur Verfügung, die extra dafür angereist waren. Theresia Stadtler-Philipp hat sie nach den Eindrücken ihres Aufenthalts gefragt.

Kaum waren die Pforten der Weltausstellung Reformation am 10. September geschlossen, begann auch schon der Abbau. Am Morgen des 11. Septembers fielen die Planen des Aussichtturms am Bahnhof. Das Riesenrad wurde abgebaut. Wo man auch hinsah: Es wurde gepackt, geräumt und gefegt. Mitarbeiter, Volunteers und die Verantwortlichen der einzelnen Pavillons packten zusammen (an). Auch in der Hoffnungskirche wurden die Roll-Ups eingerollt, verstaut und abgeholt. An der Tür der „These 62“ stehen wieder die alten Öffnungszeiten, Freitag und Samstag von 14 bis 18 Uhr. Die Monate, in denen wir die Ausstellung „Von Martin Luther zu Martin Luther King“ bei uns in der Hoffnungskirche zeigten und in der „These 62“ mit den „Reformationsbesuchern“ viele interessante Gespräche führen konnten, waren eine gute und sehr intensive Zeit. Dankbar sind wir für die vielen Ehrenamtlichen aus ganz Deutschland, die uns tageweise immer wieder unterstützt haben. Einige von ihnen haben wir nach ihren Rückmeldungen gefragt und freuen uns über den „bunten Strauß“, der da zusammengekommen ist:

Eine Mitarbeiterin aus Hamburg in der „These 62“
Die Mitarbeit in der „These 62“ war eine wertvolle Zeit für mich. Ich habe
•    viele interessante Menschen kennengelernt: Gäste Besucher und auch andere Mitarbeiter.
•    Bereicherung durch Mitarbeiter auch aus anderen Ländern und Kulturen erfahren.
•    das Erleben vom Schatz des Evangeliums und die Gnade Gottes durch Jesus Christus neu als Zuspruch erlebt.
•    kritische Fragen aushalten und gleichzeitig meinen Glauben bezeugen können
•    erlebt: Glauben an Gott durch Jesus Christus verbindet = gelebte Ökumene!
•    gespürt: die „These“ ist wirklich ein Ort, wo man auftanken kann, eine Oase – so hat es ein Gast formuliert.
Ich hoffe, dass die „These 62“ weiter als Ort der Begegnung erhalten bleibt

Ein Mitarbeiter aus Hamburg in der „These 62“
Es sind nicht die großen Massen, die in den ökumenischen Begegnungsraum im Zentrum Wittenbergs, fast könnte man es ein Café nennen, hereinkommen. Aber aus dem Touristenstrom lösen sich immer wieder einige und treten ein, schauen sich interessiert und erstaunt um und nehmen erfreut Platz zum Ausruhen und Genießen kalter und warmer Getränke. Manche fragen auch gezielt nach den Thesentörtchen. Die einen lassen sich den mit Luthers 62. These schön gestalteten Raum erklären, andere nehmen sich Zeit für ein ausführlicheres Gespräch mit den Mitarbeitern. Selbst Ortsansässige kommen, nachdem sie schon viel Gutes über die „These 62“ gehört haben, um sie selber in Augenschein zu nehmen. Sehr gelobt wird die Zusammenarbeit der christlichen Kirchen, die hinter der Arbeit steht. Einzelne kennen auch die Baptisten, wie ein Ehepaar aus den Niederlanden. Wieder andere genießen den freundlich gestalteten Begegnungsraum, bevor sie weiterziehen, während manche bleiben und aus ihrem Leben erzählen.

Die meisten Besucher sind dem christlichen Glauben gegenüber offen, viele geben sich als Kirchentagsbesucher zu erkennen. Nur einen einzigen erlebte ich, der mit kritisch-skeptischer Haltung fragte, ob die Kirchen sich denn auch mit der Philosophie zum Beispiel von Karl Marx beschäftigen würden. Wie Reformation heute weitergehen müsste oder was denn die Mitte des christlichen Glaubens sei, solche Gespräche waren äußerst selten. Dennoch waren viele bereit, sich ein Johannesevangelium mitzunehmen oder eine Karte mit Luthers These 62, auch mit dem Pilgerstempel. Dazu kamen angemeldete Besuchergruppen oder Veranstaltungen zu Lebensfragen, die den Begegnungsraum füllten. Da die Öffnungszeiten am frühen Nachmittag begannen, hatte ich als Mitarbeiter genügend Zeit, mich in der vielfältigen Reformationsausstellung der Lutherstadt umzusehen und eigene Entdeckungen zu machen. So danke ich selber Gott und den Mitarbeitenden vor Ort für viele wertvolle Begegnungen und den Einblick in die wichtige Arbeit der baptistischen Hoffnungskirche.

Ein Mitarbeiter aus Lehrte in der „These 62“

Die Tage in Wittenberg sind mir in lebhafter Erinnerung. Mein spontaner Entschluss für die Mitarbeit, hat sich als sehr gut erwiesen. Das Wort Jesu: „Wer hingibt, empfängt“ hat sich bewahrheitet. Neben den guten Gesprächen in der „These 62“ konnte ich die Vielfalt der Reformationsausstellung genießen. Danke für die Gastfreundschaft. Gott segne die weitere Arbeit.

Eine Mitarbeiterin aus Bielefeld in der Hoffnungskirche
Ich war gespannt auf meinen ehrenamtlichen Einsatz in der Hoffnungskirche.
Wie viele Menschen würden kommen und könnte ich ihre Fragen auch richtig beantworten? Meine Sorgen waren vollkommen unbegründet. Die Roll-Ups waren informativ, gut aufgestellt und erklärten sich von selbst.

Es waren die Begegnungen mit den Besuchern, die von sich und auch ihren Gemeinden erzählten. Diese haben einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Da war die Frau aus dem Erzgebirge, die mit ihrer Tochter für einen Tag nach Wittenberg gekommen war. Sie erzählte mir von ihrer Kirche, ihrer Gemeinde, die so lebendig ist und dennoch fehlt es an Mitarbeitern. Oder ich erinnere mich an das indische Ehepaar, das mich am Vortag nach einer Adresse gefragt hatte. Der Mann ist Pastor in Indien und engagiert sich in vielen sozialen und missionarischen Projekten. Er gab mir gleich seine Visitenkarte und ich lud ihn in die Hoffnungskirche ein. Das Ehepaar kam tatsächlich und wir zeigten ihnen den englischsprachigen Film über Martin Luther King, der sie sehr beeindruckt hatte. Es kam zum Beispiel auch eine Hauskreisgruppe der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde mit ihren Kleinkindern aus Leipzig. Sie hatten den Ausflug nach Wittenberg mit dem Besuch in der Hoffnungskirche verbunden und legten dort eine Kaffeepause ein. Diese Begegnungen haben mich bereichert und ich denke gerne an diese außergewöhnliche Zeit zurück.

Ein Mitarbeiter aus Lübeck  in der „These 62“ und in der Hoffnungskirche

Wer das Privileg hatte, ein oder zwei Wochen (wie ich eben) „unsere“ beiden Angebote zu begleiten, der konnte nicht nur die Highlights dieser Weltausstellung, die berühmten beiden Kirchen samt Thesen, Asisi-Panorama, Melanchthon, Cranach und so weiter, für sich entdecken. Nein, es waren auch und vor allem Kontakte zu den 85 Prozent der „Nicht-Gläubigen“ (also einigen davon) vor Ort, die zufällig hier leben, dem „Lutherallala“ mehr oder weniger – eben „ungläubig“ – gegenüberstehen, aber doch den Rummel, auch wirtschaftlich, ganz gut wegstecken. Ihnen zu verdeutlichen, warum wir als Christen extern da sind, um zum Beispiel Touristen die „King“-Ausstellung zu erklären, waren für mich erfüllende Momente, etwas, was man nicht planen kann. – Und natürlich das Kennenlernen neuer Geschwister in der Hoffnungskirche, neue Kontakte, Netzwerken wie von selbst. Für mich haben 500 Jahre Reformation mit dem Eintauchen ins Mittelalter, Biografien Luthers, seiner Mit- und Widerstreiter gerade erst begonnen. Woher wir kommen, warum wir heute so sind, wie wir sind: all diese Stätten hier haben damit zu tun! Und wer dann so tiefschürfenden Gedanken im „Jerusalem der Evangelischen“ nachhängt, der kann dann ganz gelassen über den lebensgroßen Playmobil-Luther schräg gegenüber der Hoffnungskirche bei der EKD Württemberg herzlich schmunzeln. Danke, Wittenberg, meine Reise hat erst begonnen!

Ein Mitarbeiter aus Regensburg, in der „These 62“
Zweimal und insgesamt für zehn Tage bin ich beim Reformationsjubiläum in Wittenberg dabei gewesen. Die Zeit in Wittenberg war für mich ein persönlicher Gewinn: neue Menschen aus unterschiedlichen Orten in Deutschland kennenzulernen, jeder in seiner Art und in seiner persönlichen auch religiösen Lebensgeschichte. Dann auch Teil der Reformationsbewegung zu sein und mit Gästen über den wahren „Schatz der Kirche“ dem „heiligen Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes“ (These 62) ins Gespräch zu kommen.

Eine Mitarbeiterin aus Backnang, in der „These 62“

Es war eine wertvolle Zeit für mich in Wittenberg und mit vielen Eindrücken bin ich nach Hause gegangen.
Täglich denke ich nachmittags an die „These 62“ und bete für die Arbeit dort. Es war für mich wie meine Teestubenzeit in der Jugend. Vielen Dank für alles und Gottes Segen.

Ein Ehepaar aus Groß Boden in der „These 62“
Ich habe die Tage in sehr guter Erinnerung. Im Schnitt hatten wir in den Tagen vom 23. bis 27. August fünfzehn bis zwanzig Besucher, die hereinschauten und für einen kürzeren oder längeren Moment blieben. Und wie diese Situation so ist, kommt es natürlich zu den unterschiedlichsten Begegnungen: entweder schauten überrascht (auf beiden Seiten) Bekannte aus unserer Kasseler Zeit herein, oder es waren Menschen aus dem uns bekannten CVJM-Werk aus Kassel, die plötzlich und stürmisch mit einem schreienden Kind auf dem Arm in der Tür standen, weil das kleine Kind einen Wespenstich auf der Nase bekommen hatte und schnelle Hilfe benötigten. Die eindrücklichsten Erinnerungen hatte ich von einer Frau (vielleicht schon Rentnerin) aus Wittenberg, die – so ihre Aussage – aufgrund der Ausstellung sich das erste Mal mit dem Thema Glaube befasste und das erste Mal die „These 62“ betrat. Sie sei schon häufig an „These 62“ vorbeigegangen und hätte sich immer wieder gefragt, was sich dahinter verbirgt. Und am Sonntag hatte ich ein längeres Gespräch mit einem durchaus gebildeten jungen Rentner aus Coswig, vielleicht ehemals Lehrer am Gymnasium, der mich mit seiner eingefahrenen Überzeugung in Sachen Glaube konfrontierte. Wir haben lange und offen miteinander geredet, wobei ich ihn bei seiner sehr auf die eigene Kultur gestützten Sicht darauf hingewiesen habe, wie Glaube nicht nur in Deutschland, sondern auch in aller Welt gelebt und erfahren wird. Und dass er doch bitte vorsichtig sein möchte, um nicht diejenigen zu diffamieren, die ganz zu ihrem Glauben an Christus stehen, egal in welcher Kultur und in welcher Herausforderung (Verfolgung, etc.) sie stehen. Das Gespräch endete damit, dass er sich mit einem Händedruck und einen herzlichen Dank für das Gespräch verabschiedete. Das hatte mich natürlich gefreut, weil ich merkte, da war etwas bei ihm in Bewegung gekommen.

Hilfe für die Ärmsten

Obwohl Albanien in den letzten Jahren ein Wirtschaftswachstum zu verzeichnen hatte, gilt es immer noch als eines der ärmsten Länder Europas. Die Baptistengemeinde in Lezha hat es sich zur Aufgabe gemacht, sehr arme Familien regelmäßig mit Lebensmittelpaketen zu unterstützen. Joachim Gnep und Petra Klatt von German Baptist Aid (GBA) haben die Gemeinde und einige der unterstützten Familien vor Ort besucht. Ein Bericht von Petra Klatt. 

Das Hilfsprojekt der Good News Church, bedürftigen Familien Lebensmittelpakte zur Verfügung zu stellen, begann mit zwei Familien. Nachdem GBA seine Unterstützung für das Hilfsprojekt zugesagt hatte, konnten bis zu 22 Familien zeitgleich versorgt werden. In den letzten zwei Monaten reichten die finanziellen Mittel dafür nicht mehr aus – die  Lebensmittelpakete kommen mittlerweile neun Familien zugute. Der Kontakt zu den Familien kommt zustande durch persönliche Beziehungen und aufgrund von Hinweisen und Empfehlungen durch den „Social Service“ der Stadt.

Jonila ist die Projektmanagerin und verantwortet die Erstellung und Verteilung der Lebensmittelpakete. Beim Packen helfen auch die Teenager aus der Gemeinde mit. Jonila kennt die Lebensumstände aller Projektfamilien. Gemeinsam mit Edmond Palucaj, dem Pastor der Gemeinde ist der Besuch einer Familie im sozialen Brennpunkt von Lezha geplant. Aufgrund des Bekanntheitsgrads vom Edmond werden wir werden wir spontan auf der Straße von insgesamt zehn Familien eingeladen, ihre – für uns unvorstellbar arme und menschenunwürdige – Lebenssituation kennenzulernen. Alle Familien freuen sich über unseren Besuch und zeigen sich uns gegenüber sehr offen. Wir begegnen Menschen, die teilweise in einem fast leeren Raum wohnen, in dem das Regenwasser in Pfützen steht. Die Matratzen werden tagsüber an die Wand gestellt, um sie vor der Feuchtigkeit zu schützen. Anderen Familien gelingt es trotz der widrigen Umstände eine häusliche Atmosphäre zu schaffen.

Doch die Gemeinde versucht auch Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. So bespricht Jonila mit vielen Frauen auch berufliche Möglichkeiten und Perspektiven. In Form von Seminaren will die Gemeinde den Familien zudem Hilfestellung im Bereich des Finanzmanagements geben sowie Möglichkeiten auftun, wie die Lebenssituation nachhaltig verbessert werden kann. Einer Witwe mit sechs Kindern wurden Obstbäume gespendet, damit sie immerhin in diesem Bereich zur Selbstversorgerin werden kann.

In der Gemeinde in Lezha erleben wir Menschen, die ernsthaft und authentisch ihren Glauben teilen. Die Gemeinde lebt und trägt ihren sozial-diakonischen Auftrag in ihrem Umfeld. Der Bedürftigkeit ihrer Mitmenschen begegnet die Gemeinde wird verantwortungsvoll und auch in dem Bewusstsein, nicht allen helfen zu können und damit leben zu müssen.

Beschäftigung mit der Reformation – vielfältig und gewinnbringend

Zwei Wochen lang war die Ausstellung „Reformation – #dagehtwas!“ in der Christuskirche in Schöningen. Vom 28. August bis 8. September hatten Gemeindemitglieder, Freunde, Schulklassen und Interessierte die Möglichkeit, die Ausstellung anzusehen und ins Gespräch zu kommen. Lesen Sie hier einen Bericht von Gemeindepastor Andreas Neef.

Zusätzlich zur Ausstellung gab es von Mitarbeitern ausgearbeitete Mitmachaktionen. Unter anderem hatten Besucher die Möglichkeit, über ihr Bild von Jesus ins Gespräch zu kommen. Zwei Fragen regten zum Gespräch an: „Welches Bild hatten sie bisher von Jesus?“ und „Welches Bild spricht sie an? Was wäre ein Jesus, dem sie vertrauen würden?“ Gerade über diese Jesus-Bilder gab es sehr gute Gespräche.

Begleitet wurde die Ausstellung von vier unterschiedlichen Abendveranstaltungen. Am ersten Abend las Albrecht Gralle aus seinem Buch „Als Luther vom Kirschbaum fiel und in der Gegenwart landete“. Die Geschichte war geprägt von Situationskomik, die vor allem von der derben lutherischen Sprache lebte. Scheinbar nebenbei vermittelte Albrecht Gralle Theologiegeschichte und brachte die Zuhörer immer wieder zum Schmunzeln.

Der Liedermacher Klaus-André Eickhoff war am zweiten Abend mit seinem Programm „Hier stehe ich, ich könnt auch anders ...“ eingeladen. Er bediente im wahrsten Sinne des Wortes die ganze Klaviatur von tiefsinnig, nachdenklich, informativ, glaubensstärkend bis herzzerreißend komisch. Zwischen den Liedern erzählte er unterhaltsam aus dem Leben Luthers, räumte mit mancher Legende auf und leitete so zum nächsten Lied über. Besonders eindrucksvoll brachte Eickhoff die Kernbotschaft Luthers mit dem Lied „Gnade“ zu Gehör.

Am dritten Abend rückte die Geschichte der Reformation bis in die Gegenwart in den Mittelpunkt. Der Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Hochschule Elstal, Dr. Martin Rothkegel, war zu Gast. Er referierte sehr unterhaltsam zum Thema „Das Erbe der Reformation in den Freikirchen“.  Die Zuhörer waren erstaunt, wie unterschiedlich Luthers Gedanken zur Freiheit von deutschen und anglikanischen Theologen verstanden wurden und welche Dynamik sie insbesondere in Nordamerika entwickelten. Rothkegels abschließende Überlegungen zur Kirchensteuer als nicht mehr zeitgemäßem Relikt fanden selbst unter anwesenden Lutheranern große Zustimmung.

Den Abschluss der Reformationsausstellung bildete eine Bibellesung mit Musik. Unter dem Titel „sola scriptura et musica“ wurden ganz unterschiedliche Bibeltexte von Andreas und Mirjam Neef zu Gehör gebracht. Eindrücklich war das Nebeneinander von Psalm 8 und Hiob 7, wo die Beter mal staunend und mal anklagend die Frage „Was ist der Mensch?“ an Gott richten. Mit Texten aus den Evangelien wurde das Leben Jesu betrachtet. Am Schluss wurden die Besucher mit Segenstexten in den Abend entlassen. Zwischen den Lesungen spielte die Pianistin Yo Hirano aus Hannover. Sie ließ die Texte nachklingen und unterstrich mit ihrem Spiel die Atmosphäre.

Viele Besucher blieben nach den Veranstaltungen noch in der Gemeinde und besichtigten die Ausstellung und tauschten sich über den Abend und Themen der Ausstellung aus. Sie brachten dabei immer wieder zum Ausdruck, dass die Veranstaltungen wesentlich mehr Publikum verdient hätten. 

Für alle Besucher der Ausstellung war die Beschäftigung mit der Geschichte und der Entwicklung der Reformation bis heute gewinnbringend. Sie haben lesen können, wie das Wort Gottes, daraus entwickelte Überzeugungen und dann gelebter Glaube etwas in dieser Welt bewegen können.

Es! Ist! Da!

In diesen Tagen wird unser Jahresprogramm 2018 in allen BEFG Gemeinden eintreffen. Wer kein Exemplar mehr abbekommen hat, kann es hier online downloaden oder sich ein persönliches Exemplar per Post zusenden lassen.

AkademieForum: Erwachsen glauben

"Warum Glaubensbiographien abbrechen und was den Glauben tragfähig macht"
Diesem Thema war das AkademieForum am 20./21. Oktober gewidmet. Prof. Dr. Tobias Künkler von der CVJM Hochschule Kassel stellte die Ergebnisse der von ihm und anderen durchgeführten Dekonversionsstudie vor. Prof. Dr. Andrea Klimt referierte über förderliche und hinderliche Gottesvorstellungen.
Gemeinsam mit den Referenten arbeiteten die 18 Teilnehmer an der Frage, wie Gemeinden Wegbereiter für einen tragfähigen Glauben sein können.

Jahresprogramm 2018 erschienen

Das Jahresprogramm 2018 der Evangelisch-Freikirchlichen Akademie Elstal ist erschienen. Es wird jährlich herausgegeben und enthält viele Bildungsangebote aus den unterschiedlichen Bereichen des BEFG. „Bildung ist eine wichtige Quelle für inspiriertes Leben“, schreibt Akademieleiter Oliver Pilnei in seinem Vorwort in Bezug auf das Jahresthema des BEFG „INSPIRIERT LEBEN …dass Christus Gestalt gewinnt“. Durch ein breites Spektrum an Themen und verschiedenen Arbeitsformen lade die Akademie zu Bildungswegen ein, „die Wissen vermitteln, Kompetenzen vertiefen und die Persönlichkeit reifen lassen. Damit wir inspiriert leben und Christus in uns Gestalt gewinnt!“ Die Veranstaltungen des Jahresprogramms sind nach verschiedenen Kategorien, zum Beispiel „Gottesdienst und Gemeindepraxis“, „Seelsorge und Psychologie“ und „Theologie und Gesellschaft“, gegliedert und richten sich an unterschiedliche Zielgruppen. Sie werden bundesweit durchgeführt und einige Veranstaltungen werden direkt auf den Bedarf der Teilnehmenden zugeschnitten. Die Gemeinden des BEFG erhalten das 80-seitige Heft per Post. Auf der Internetseite der Evangelisch-Freikirchlichen Akademie kann es zudem kostenlos heruntergeladen werden.

Gegen das Verschweigen

Seit dem 1. Oktober gibt es im BEFG eine Anlaufstelle für Betroffene sexueller Gewalt. Zweck, Ziel und Aufgaben dieser Anlaufstelle erläutert Generalsekretär Christoph Stiba (CS) in einem Interview mit Julia Grundmann (JG).

JG: Warum wurde die Anlaufstelle eingerichtet?

CS: Sexuelle Gewalt ist ja ein Thema, über das nicht einfach zu reden ist. Gerade auch im gemeindlichen Kontext galt lange Zeit: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf!“ Doch wie wir wissen, ist besonders in den letzten Jahren öffentlich bekannt geworden, dass es auch in Kirchen sexuelle Gewalt gibt und sie durchaus Schwierigkeiten haben, damit umzugehen. Wer über sexuelle Gewalt spricht, bricht die Isolation und Geheimhaltung auf und kann auf diesem Weg dazu beitragen, dass Missbrauch beendet wird. Als Bund sind wir schon seit dem Jahr 2009 auf dem Weg der Prävention gegen sexuelle Gewalt in unseren Gemeinden. Unter dem Titel „Auf dem Weg zur sicheren Gemeinde“ hat das Gemeindejugendwerk (GJW) hilfreiche Unterlagen und Schulungen entwickelt, die Gemeinden, Landes-GJWs oder Landesverbänden helfen, sichere Veranstaltungen anzubieten, sichere Gemeinde zu sein. Mit der Einrichtung einer Anlaufstelle für Betroffene sexueller Gewalt im Rahmen des Bundes schaffen wir ein zusätzliches Instrument, um im Fall notwendiger Intervention angemessen und professionell reagieren zu können.

JG: Was ist das Ziel der Arbeit der Anlaufstelle? Was soll dadurch erreicht werden?

CS: Wir wollen, dass die Betroffenen sexueller Gewalt Hilfe erhalten durch gute juristische, therapeutische und seelsorgerliche Beratungsangebote. Konkreten Verdachtsfällen wollen wir offensiv nachgehen mit einem qualifizierten und fachkundig begleiteten Verfahren. Vor allem aber wünschen wir uns, dass durch diese Maßnahmen weiterer Missbrauch verhindert werden kann und der Kindesschutz in unseren Gemeinden und Einrichtungen des Bundes wirklich gegeben ist. Dabei ist uns der Schutz der Betroffenen wichtiger als der Schutz der eigenen Institution.

JG: Bei der katholischen Kirche hat erst durch öffentlich gemachte Missbrauchsskandale eine grundlegende innerkirchliche Auseinandersetzung mit dem Thema stattgefunden. Gab es bei uns auch spezielle Auslöser?

CS: Nein, in dieser Weise gab es keinen Auslöser. Wie gesagt, seit dem Jahr 2009 sind wir mit dem GJW in der Präventionsarbeit tätig. Das liegt schlichtweg an der Erkenntnis, dass in unserer Gesellschaft sexueller Missbrauch an der Tagesordnung ist. Das müssen wir uns bewusst machen. Die Weltgesundheitsorganisation geht für Deutschland von einer Million Mädchen und Jungen aus, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben. Das bedeutet, dass in jeder Schulklasse rein statistisch ein bis zwei Kinder sitzen, die davon betroffen sind. Und wahrscheinlich eben auch in der Realität. Darauf reagieren wir! Deswegen hat das GJW die Präventionsarbeit angestoßen und jetzt ist ein konsequenter Folgeschritt, dass wir mit einer Anlaufstelle die Möglichkeit eröffnen, dass Betroffene sexueller Gewalt sich äußern und wir reagieren können.

JG: Wer gehört zu der Anlaufstelle?


CS: Erste Anlaufstelle für Betroffene sexueller Gewalt in unserem Bund ist das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch. Dieses Hilfetelefon ist ein Angebot des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs – einem Amt der Bundesregierung. Wir kooperieren mit dem Verein N.I.N.A. („Nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu sexueller Gewalt an Jungen und Mädchen“), der die fachliche Leitung dieses Hilfetelefons innehat. Darüber hinaus schaffen wir dann eine Anlaufstelle für ein internes Beschwerdeverfahren. Diese besteht zurzeit aus zwei Personen, die fachlich qualifiziert und nicht Mitglieder einer Gemeinde des Bundes sind. Letzteres ist deshalb wichtig, damit sie möglichst unabhängig agieren können.

JG: Wie sieht denn die konkrete Arbeit der Anlaufstelle aus?

CS: Das kann ich gerne beispielhaft skizzieren: Angenommen, ein Jugendlicher hat durch einen Mitarbeiter unserer Gemeinden sexuelle Gewalt erlebt. Der Jugendliche ruft die Nummer des Hilfetelefons an. Die Gesprächspartner können zunächst völlig unabhängig vom BEFG beratend tätig werden und gemeinsam mit dem Anrufer herausfinden, was die nächsten Schritte sind. Ein Schritt könnte zum Beispiel sein, professionelle Unterstützung vor Ort in Anspruch zu nehmen. Sollte der Ratsuchende zu dem Entschluss kommen, ein Beschwerdeverfahren im BEFG auszulösen, werden die Berater beim Hilfetelefon ihm die Kontaktdaten der Berater der internen Anlaufstelle des BEFG weitergeben.

JG: Und dann?


CS: Dann liegt es an den Beratern unserer Anlaufstelle, das Verfahren innerhalb des Bundes zu begleiten. Da muss dann zum Beispiel unterschieden werden, ob der mutmaßliche Täter oder die Täterin haupt- oder ehrenamtlich im BEFG tätig ist, es werden geeignete Fachkräfte vor Ort gesucht und es wird dafür gesorgt, dass die richtigen Personen zum richtigen Zeitpunkt einbezogen werden. Und die Berater initiieren gegebenenfalls die dienstrechtliche Verfolgung des Falls. Für deren Ergebnis – also ob zum Beispiel die beschuldigte Person entlassen wird oder keine Kinderfreizeiten mehr durchführen darf – trägt die entsprechende Dienststelle die Verantwortung, der zuständige Dienstbereich im Bund wird darüber informiert.

JG: Wie kann gewährleistet werden, dass dieses Verfahren funktioniert? Wie und durch wen wird die Arbeit der Anlaufstelle ausgewertet?

CS: Es soll zunächst eine Erprobungsphase geben, die zwei Jahre dauern wird. Währenddessen werden die Prozesse aber bereits fortwährend evaluiert. Zum einen auf Grundlage der Zahlen des Hilfetelefons, die darüber Aus-kunft geben, wie viele Leute sich überhaupt melden. Zum anderen erwarten wir, dass ein Vertreter oder eine Vertreterin der Anlaufstelle jährlich sowohl dem Fachkreis Sichere Gemeinde als auch dem Präsidium über die Arbeit berichtet – anonymisiert natürlich. Das soll dazu dienen, das Verfahren der Anlaufstelle möglicherweise zu optimieren, aber vor allem soll es dazu dienen, dass wir die Präventionsarbeit noch verbessern können. Deswegen besteht auch dieser enge Kontakt zu dem Fachkreis Sichere Gemeinde, der ja im Wesentlichen die  Präventionsarbeit in unserem Bund übernommen hat.

JG: Können sich auch Erwachsene, die als Kind sexuelle Gewalt erlebt haben, an die Anlaufstelle wenden oder gibt es da eine Verjährung?

CS: Die Möglichkeit, sich an die Anlaufstelle zu wenden, gibt es immer – übrigens nicht nur für die Betroffenen selber. Auch Eltern oder andere Personen, die etwas beobachtet oder eine Verdacht haben, können beim Hilfetelefon anrufen. Der Verfahrensablauf wird sich dann sicherlich jeweils unterschiedlich gestalten, aber unser Ziel ist es ja gerade, dass sexuelle Gewalt nicht totgeschwiegen wird. Wir wollen damit ein deutliches Signal setzen, dass sexuelle Gewalt im Kontext unserer Gemeinen und der überregionalen Angebote für Kinder und Jugendliche nicht toleriert wird. Deshalb ermutige ich Betroffene, das Schweigen zu brechen und mitzuhelfen, dass die Angebote für Kinder und Jugendliche in unserem Bund sicher sind.

JG: Vielen Dank für das Gespräch!

Kompetenz durch Scheitern

„Menschen im Scheitern zu begleiten“ sei eine wichtige seelsorgerische und diakonische Aufgabe, sagte Pastor i.R. und Diplom-Psychologe Olaf Kormannshaus am 14. Oktober in der Evangelisch-Freikirchlichen Begegnungskirche in Esslingen. Doch dies falle Gemeinden „fast immer bei Scheidungskrisen schwer“, dabei „ist Gott im Scheitern und hilft hindurch“, betonte Kormannshaus mit Blick auf viele biblische Personen wie Moses, David, Elia oder auch Petrus vor knapp 30 Teilnehmern beim Seminartag „Kompetent durch Scheitern“ des Diakoniewerks der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden in Baden-Württemberg.

Scheitern sei oft noch „extrem schambesetzt“ und galt nach dem amerikanischen Soziologen Richard Sennet lange als „großes Tabu der Moderne“. Dies habe, so Kormannshaus, auch immer wieder dazu geführt, dass viele Menschen nicht mehr in eine Gemeinde kämen. Dabei scheitere jeder Mensch bzw. bleibe hinter dem zurück, was er wolle. Diesen Konflikt habe schon der Apostel Paulus in Römer 7 beschrieben.

Nach der Definition des Kulturhistorikers Stefan Zahlmann sei Scheitern „die wahrgenommene Differenz zum gelungenen Leben“. Gerade in einer Erfolgsgesellschaft habe „das Risiko des Scheiterns zugenommen“, doch Erfolg könne keinem garantiert werden. Allerdings sei Scheitern immer verbunden mit einem „Gefühl von Verlust“. Es habe, anders als beim Trauerprozess, meist „keinen Ort“, führte Kormannshaus weiter aus. In einem Beratungsprozess könnten Erfahrungen aufgearbeitet und bisherige Bewertungen oder Ideale gemeinsam überdacht werden.

Menschen könnten auch unverschuldet scheitern, etwa durch einen Unfall oder wenn der bisherige Arbeitgeber Insolvenz anmeldet und jemand hinterher keinen neuen Job findet. Jedoch könnten sich auch neue Wege und Möglichkeiten entwickeln. Diplom-Psychologe Kormannshaus, der auch als Supervisor (EKFuL) tätig ist, nannte den französischen Maler Henri Matisse als Beispiel. Nachdem er durch den Rollstuhl nicht mehr malen konnte, erfand er für die Kunst den Scherenschnitt.

Allerdings erfolge ein Reifungsprozess aus dem Scheitern nicht automatisch. Dazu gehöre zunächst die Erfahrung tiefen Schmerzes und tiefer Verzweiflung, die nicht einfach übersprungen werden könnten. Glaubende dürften sich auch im Scheitern von Gott angenommen wissen. Der Glaube befreie vom Zwang, dass alles gelingen müsse. Laut einer US-Studie helfe er, Scheitern besser zu bewältigen. Auch deshalb sei es für die Diakonie „eine geistliche Aufgabe par excellence, Anwalt der Gescheiterten zu sein“, sagte Kormannshaus am Ende seiner Vorträge.

„Wie gelingt Barock’n Roll?“

„Wie wird es wohl sein, wenn 35 Leute zwischen elf und 69 Jahren aus 16 ganz unterschiedlichen Gemeinden sich ein ganzes Wochenende mit Musik befassen?“ fragte sich Ulrike Haubeck vom Leitungsteam des Arbeitskreises Musik und Gemeinde im BEFG. Wie es war, darüber schreibt sie in ihrem Bericht über die 16. Jahrestagung des Arbeitskreises vom 8. bis 10. September in Altenau im Harz.

Wenn 35 Leute zwischen elf und 69 Jahren aus 16 ganz unterschiedlichen Gemeinden sich ein ganzes Wochenende mit Musik befassen ist das wahrscheinlich genauso spannend wie das Zusammenspiel in jeder einzelnen dieser Gemeinden. Jeder bringt andere Erwartungen und Voraussetzungen mit, hat altersgerechte Erfahrungen und Vorlieben. Genau diesen Spagat zwischen Barock und Rock’n‘Roll haben wir auf der Jahrestagung 2017 thematisiert. Wie gelingt Barock’n Roll?

Schon am ersten Abend während der legendären „Spielwiese“ wurde deutlich, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. Oder hat es vorher schon einmal jemand versucht, den schönen alten Choral „Auf Seele, Gott zu loben“ zur Melodie von „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“ zu singen? Vielleicht lauschen wir demnächst ja auch hier und da auf das altbekannte Lied „Macht hoch die Tür“ in neuem Gewand und es ertönt die Melodie „Wo ich auch stehe“ zum  adventlichen Text.

Der Samstagvormittag war wie immer die Zeit der Theorie. Nach interessanten Einblicken in praktische Erfahrungen und unter professioneller Anleitung unseres Referenten Jan Primke (Dortmund) kam es zu einem regen Gedankenaustausch, welcher das ganze Wochenende nicht abriss. Dabei wurde keiner mit seinen Anliegen allein gelassen und ermutigt, sich seinen Aufgaben in der jeweiligen Gemeinde zu stellen.

Natürlich kam auch die Praxis nicht zu kurz. Es wurde viel gesungen – neues wie altes Liedgut, wir lernten interessante mitgebrachte Instrumente kennen (ich hatte bisher noch nie von einem Dulcinet gehört) und so manch ein Teilnehmer stellte sich am Abend mit viel Mut auf unsere Open Stage – die Offene Bühne –  um ein oder mehrere Songs (auch selbstgeschriebene) zu präsentieren. Sowohl für die Zuhörer wie auch für die Aufführenden waren das ganz besondere Momente.

Immer wieder etwas ganz Besonderes ist der gemeinsame Gottesdienst am Sonntag. Mit all den Menschen, die man kennen- und schätzen gelernt hat, zusammen Gott zu loben, ist eine Bereicherung und eine Ermutigung für den Alltag in der eigenen Gemeinde.

Und was haben wir sonst so erlebt? Nun, weitaus mehr, als ich hier aufschreiben könnte. Schaut euch die Fotos der Tagung an, sprecht mit uns vom Leitungsteam. Oder noch besser - kommt einfach selbst und macht euch ein Bild davon, wie es so zugeht auf einer Jahrestagung des AK Musik! Vom 14. bis 16. September 2018 habt ihr die Chance dazu.

Vorurteilsbewusst statt vorurteilsfrei

Die Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft evangelisch-freikirchlicher Kindertagesstätten (AGEF KITAS) fand in diesem Jahr in Elstal statt. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen beschäftigten sich mit dem Thema „Vorurteilsbewusste Erziehung“. Gabriele Löding, BEFG-Referentin für Diakonie im Dienstbereich Mission, war mit dabei. Ein Bericht. 

„Vorurteilsbewusste Erziehung“ lautete das Thema der diesjährigen Jahrestagung der AGEF KITAS. Vorurteilsbewusst, weil klar ist:  Vorurteilsfrei sind wir nicht, jede und jeder denkt in Verallgemeinerungen. Doch wichtig ist, sich dessen bewusst zu sein und zu erkennen, dass bestimmte Merkmale noch nicht den ganzen Menschen in seiner Identität erfassen.

Die zwei Referentinnen von der Fachstelle KINDERWELTEN aus Berlin, Nuran Ayten und Nele Kontzi, verdeutlichten, dass vorurteilsbewusste Erziehung damit auch immer ein Einsatz für Inklusion und Bildungsgerechtigkeit ist. Es geht darum, keinen auszugrenzen oder herabzuwürdigen. Daraus ergeben sich vier Ziele für die Praxis in Kitas: Alle Kinder in ihrer Identität stärken, allen Kindern Erfahrungen mit Vielfalt ermöglichen, kritisches Nachdenken über Fragen der Gerechtigkeit und Fairness anregen und aktiv werden gegen Unrecht und Diskriminierung.

In Übungen überprüften wir unsere eigene Sensibilität beim Thema, und im Austausch ging es um Erfahrungen im Kita-Alltag. Wenn in einer Kita nur deutsch gesprochen wird, wird dann die Sprache von anderssprachigen Kindern automatisch abgewertet? Andererseits ist die Förderung der deutschen Sprache eine Voraussetzung für gelingende Inklusion. Eine Möglichkeit ist, Räume zu schaffen, in denen Mehrsprachigkeit wertgeschätzt wird – zum Beispiel im Morgenkreis eine Begrüßung und Lieder in mehreren Sprachen vorkommen zu lassen.

Im Anschluss an den thematischen Block fand eine Kiez-Stadtführung in Berlin-Kreuzberg statt und wir konnten erleben, wie vorurteilsbeladen oder -bewusst wir Orte und Menschen wahrnehmen.

Fast 50 Erzieherinnen, Leiter und Trägervertreter der Kitas nahmen an der Tagung teil. Auf der Mitgliederversammlung wurden zwei neue Einrichtungen aufgenommen, eine hat ihren Austritt erklärt, sodass jetzt 47 Einrichtungen zur AGEF KITAS gehören.

In den Austauschrunden der  Kindertagesstättenleitenden und Trägervertreter wurden Anliegen und Fragen geklärt und Ideen und Anregungen ausgetauscht.

Begleitet wurde der thematische Teil durch drei biblische Geschichten von Hagar, dem barmherzigen Samariter und der Berufung des Levi. In diesen Geschichten wurde deutlich, dass Gottes Liebe allen Menschen in ihrer Vielfalt, Andersartigkeit und Fremdheit gilt und Jesus auch gegen Unrecht und Diskriminierung eintritt.

Die Tagung war anregend, stärkend und ermutigend.

Im nächsten Jahr feiert die AGEF KITAS vom 21. bis 23. September ihr 20jähriges Bestehen in Weltersbach mit dem BEFG-Präsidenten Michael Noss als Referenten.

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