Bund Ev.-Freikl. Gemeinden

Interimsdienst: Übergangszeiten sinnvoll gestalten

„Ein Interimsdienst ist eine gute Möglichkeit, Übergangszeiten sinnvoll und zukunftsorientiert zu gestalten.“ Darauf wies Pastorin Heike Beiderbeck-Haus beim jährlichen Workshop der Interimspastoren und -pastorinnen am 25. und 26. Februar in Elstal hin. In der Praxis seien das zum Beispiel Zukunfts- und Veränderungsprozesse, die Erwartungsklärung bei der Berufung eines neuen Pastors oder die Bewältigung von Krisensituationen.

Interimspastoren und -pastorinnen sind für einen Zeitraum von drei bis zwölf Monaten jeweils für mehrere Tage pro Monat vor Ort. Sie arbeiten in Seminarform mit der ganzen Gemeinde, begleiten Gemeindeleitungssitzungen und nutzen normale Gemeindeveranstaltungen wie Gottesdienste und Bibelstunden, um ihren Auftrag umzusetzen. Zurzeit sind 14 Pastoren und Pastorinnen für den Interimsdienst akkreditiert. Zur Akkreditierung gehört die Teilnahme am jährlichen Workshop zur Fortbildung und kollegialen Beratung. Das Thema der Fortbildung in diesem Jahr lautete: „Focus Gemeinde: Wie erschließe ich mir das System Gemeinde im Interimsdienst?“ Birgit Kersten-Regenstein, freiberufliche Unternehmensberaterin, Supervisorin und Trainerin, erarbeitete mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, wie sie relativ schnell erfassen können, welche Kultur in der jeweiligen Gemeinde gelebt wird. „Ich fühle mich sehr inspiriert“, war das begeisterte Fazit eines Teilnehmers. „Das hat mir sehr geholfen für meinen nächsten Einsatz“, ergänzte ein anderer Teilnehmer. Interimspastoren und -pastorinnen bringen neben ihrer pastoralen Erfahrung beraterische Kompetenzen mit. „Diese Kombination ist eine Art Alleinstellungsmerkmal auf dem Markt der Beratungsangebote“, meinte Pastor Thomas Seibert, der mit Heike Beiderbeck-Haus das „Team Interimsdienst“ im Dienstbereich Mitarbeiter und Gemeinde bildet. Insgesamt zwölf Gemeinden haben diese Möglichkeit im letzten Jahr genutzt. Interessierte Gemeinden können sich an Heike Beiderbeck-Haus wenden.

Neue Perspektiven auf die Taufe

Die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) trafen sich vom 6. bis 7. März in der Theologischen Hochschule Reutlingen zum Erfahrungsaustausch über die Taufe. Dabei wurden bei dem bisher trennenden Thema der Taufe Impulse zur Versöhnung gesetzt.

„Es ist eine Tagung von einer gewissen kirchengeschichtlichen Dimension“, begrüßte Roland Gebauer, der Rektor der Theologischen Hochschule Reutlingen, die Vertreterinnen und Vertreter der VEF und der EKD. Sie versammelten sich unter dem Thema „Neue Perspektiven auf die Taufe“ zu Begegnung und Erfahrungsaustausch. Die Tagung sollte laut der Ausschreibung dazu beitragen, „neue Zugänge zur Taufe und dadurch auch neue Zugänge zueinander“ zu erschließen. Denn „über lange Zeit hinweg haben Freikirchen und Landeskirchen beim Thema Taufe einen Schwerpunkt auf die Differenzen im Lehrverständnis gelegt und an der Taufe grundlegende Unterschiede ihres Glaubens- und Kirchenverständnisses festgemacht.“ Daraus ergab sich für die Tagung die Frage, inwieweit ein nicht exklusives Verständnis der eigenen Taufpraxis möglich ist.

Die Tagung startete mit einem Impuls zur Versöhnung von Bischöfin Petra Bosse-Huber, der Leiterin der Hauptabteilung Ökumene und Auslandsarbeit der EKD: „Wir wissen um die Diskriminierungen, die unsere freikirchlichen Geschwister erlitten haben.“ Und sie fügte hinzu: „Um zur Heilung zu gelangen, muss vielmehr heute unbedingt auf beiden Seiten der kritische Blick auf uns selbst hinzukommen.“ Um des gemeinsamen Zeugnisses zu Jesus Christus willen sei es wichtig, „darauf zu achten, dass unsere Selbstverständnisse sich nicht länger aus der Abgrenzung gegen das negativ gezeichnete Bild des Anderen speisen.“

„Die Absicht dieser Tagung liegt nicht darin, ein Lehrgespräch über die Taufe zu führen, sondern die Zusammenarbeit und das gegenseitige Verstehen auf einer pragmatischen Ebene voranzubringen“, so Pastor Christoph Stiba, Präsident der VEF, in seinem Impuls zur Versöhnung. Auch er hob eigene konfessionelle Verletzungen und die „schmerzhafte Selbsterkenntnis“ hervor, „wo wir selbstgerecht und überheblich, also nicht dem Geist Gottes gemäß in Vergangenheit und Gegenwart über den Glauben und die Frömmigkeit unserer landeskirchlichen Geschwister geurteilt haben und urteilen.“ Es müsse um ein „Zeichen der versöhnenden Kraft des Evangeliums“ gehen. „Denn damit steht und fällt die Glaubwürdigkeit der christlichen Kirchen und ihrer Botschaft in unserer Gesellschaft.“###3_IMAGES###VEF-Präsident Stiba wies darauf hin, dass es in den Freikirchen der VEF ein Miteinander unterschiedlicher Taufverständnisse gibt: Während die Heilsarmee auf die Taufe verzichtet, unterscheidet die Evangelisch-methodistische Kirche (EmK) zwischen säuglingsgetauften und erwachsenengetauften Mitgliedern oder sogenannten bekennenden Mitgliedern, die sich nach der Säuglingstaufe bewusst zu ihrem Glauben bekannt haben. Auch Baptisten, Pfingstler und Angehörige der Landeskirche teilten ihre zum Teil sehr persönlichen Erfahrungen mit der Taufe.

So zeigten die Erfahrungsberichte, dass sich die einzelnen Bilder des Christwerdens unterscheiden: Wie und wodurch gewinnt das Christwerden – die sogenannte christliche Initiation – seine volle Gestalt? Einig waren sich die Teilnehmenden, dass die persönliche Antwort eines Täuflings auf den Ruf Christi in die Nachfolge und somit in Verantwortung, den Initiationsprozess abschließt. Denn „auch für die Landeskirchen gehört das Bekenntnis zum Initiationsprozess und muss persönlich im Glauben adaptiert werden“, sagte Pfarrer Dr. Jörg Bickelhaupt, Referent für interkonfessionellen Dialog im Zentrum Ökumene. Jede und jeder müsse persönlich antworten. Doch wie starr ist dieser Zusammenhang von bekennendem Glauben und Taufe zeitlich und in seiner Abfolge festgelegt? Kann Taufe auch als ein lebenslanger Prozess verstanden werden? Darüber diskutierten die Teilnehmenden kontrovers.

Wenn VEF und EKD ökumenisch Schritte aufeinander zugehen wollen, müssen beide Seiten „eine Kröte schlucken“. Denn die Rückfragen und Diskussionen verdeutlichten, dass es denkbar schwierig ist, dass die VEF-Kirchen die Säuglingstaufe als eine gültige Form der Taufe anerkennen und dass die EKD und EmK die „Wiedertaufe“ nicht kategorisch ablehnen. Miteinander Taufe erleben – Wie geht das? Es wurden dazu einige Modelle vorgestellt, wie Taufe ohne Lehrkonsens denkbar sein könnte. Wer Interesse an der Tagung hat, kann die einzelnen Beiträge und Modelle in einer Veröffentlichung in der Reihe epd-Dokumentation nachlesen. VEF-Präsident Christoph Stiba resümierte beim Abschlusspodium: „Diese Tagung ist ein absichtsvolles Zeichen des Miteinanders zwischen der EKD und den in der VEF zusammengeschlossenen protestantischen Kirchen.“

Was ich an freikirchlicher Frömmigkeit schätze

In seinem Beitrag zur Artikelserie INSPIRIERT LEBEN beschreibt Privatdozent Dr. Albrecht Haizmann, der Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ist, wie freikirchliche Frömmigkeit ihn bereichert.

„Schätzen“ kommt von Schatz. Ein Schatz ist etwas Wertvolles. Etwas zu schätzen bedeutet, es nicht nur distanziert als wertvoll zu betrachten oder bewertend einzustufen, sondern persönlich als bereichernd zu empfinden.

Der Schatz ist das Evangelium von Jesus Christus. Unser gemeinsamer Schatz. Er gehört keiner einzelnen Kirche, keiner einzelnen Gemeinde, keinem einzelnen Menschen. Dieser Schatz ist für alle. Von Gott. Als Menschen empfangen und haben und verschenken wir ihn – „in irdischen Gefäßen“. So gewinnt Christus Gestalt. Zum Beispiel in Form unserer besonderen Frömmigkeit.

Was ich an freikirchlicher Frömmigkeit schätze, beruht auf persönlichen Begegnungen und Erfahrungen mit Menschen. Mit Geschwistern im Glauben. Mit Christen, die nicht wie ich einer evangelischen Landeskirche, sondern eben einer Freikirche angehören. Was an diesen Erfahrungen und Beziehungen bereichernd ist, betrifft längst nicht nur die Spiritualität. Aber doch auch.

Was schätze ich an freikirchlicher Frömmigkeit? Zunächst einmal, dass es „die“ freikirchliche Frömmigkeit gar nicht gibt, sondern eine ganze Palette von Freikirchen und darin jeweils eine große Vielfalt von Bewegungen, Richtungen und Prägungen der Frömmigkeit. Das allein ist schon bereichernd. Ich schätze, ich mag diese Vielfalt.

An freikirchlicher Frömmigkeit schätze ich deshalb vor allem, dass sie verschiedene Facetten reformatorischen Christentums exemplarisch umsetzt. Und zwar ganz bestimmte: Teils sind es vergessene oder verdrängte Aspekte reformatorischer Theologie. Teils sogar ganze reformatorische Bewegungen, die vom Mainstream der Reformation unterdrückt wurden und sich – jedenfalls hier bei uns – erst Jahrhunderte später in Freiheit entfalten durften. Vielleicht deshalb erscheint mir die freikirchliche Frömmigkeit auch irgendwie jung.

Charakteristisch für diese besonderen freikirchlichen Akzente der reformatorischen Frömmigkeit ist für mich die große Freiheit und Ursprünglichkeit, mit der sie biblische Impulse und urchristliche Ideale für den Glauben der Einzelnen ernst nehmen, in das Leben der Gemeinden aufnehmen – und so im besten Sinne evangelisch sind.

Besonders schätze ich die reiche Entfaltung des Dritten Glaubensartikels in der freikirchlichen Frömmigkeit. Die erfahrbare Lebenskraft des Heiligen Geistes, seine Gaben und Wirkungen werden hier nicht nur gelehrt, sondern in vielfältiger Weise auch gelebt.

Die Gemeinschaft der Heiligen, das Leben in und das Streben nach Heiligung, der Ernst der Nachfolge Jesu und die Ausrichtung des Lebens auf seine Wiederkunft – all das gehört zum Wesen des christlichen Glaubens. Das wissen alle Kirchen. Aber in den verschiedenen Freikirchen begegnet es mir in besonders prägnanter Gestalt. Hier ist der Dritte Artikel Programm. Hier wird mit persönlicher Entschiedenheit und hoher Verbindlichkeit nach urchristlichen Idealen gelebt und gestrebt. Die Frömmigkeit selbst, ein Leben im Glauben, ist das Ziel. Nicht umsonst hat man den Freikirchen „programmatische“ – ideologieverdächtigende – Schimpfnamen gegeben: Methodisten, Baptisten, Pfingstler.

Dass dies keine einseitige Vernachlässigung der anderen beiden Glaubensartikel bedeuten muss, weiß jeder, der die Logik des Glaubensbekenntnisses kennt und versteht: dass der Zugang zum ersten und zweiten durch den dritten Artikel hindurch führt. Wer aber auch nur ein paar Menschen aus den Freikirchen kennt, weiß es auch. Dazu muss man keine großen Namen nennen, wie etwa John Wesley, Martin Luther King oder Mary Webb. Im freikirchlichen Gesamtbild zeigen es die Herrnhuter mit ihrer besonderen Kreuzesfrömmigkeit oder die Mennoniten mit ihrem Engagement für Frieden und Schöpfungsbewahrung und die Heilsarmee mit sozialer Verantwortung.

Was ich daran schätze, ist jedoch nicht die (in den Landeskirchen oft allzu große) Ausgeglichenheit, sondern gerade die aus evangelischen Bewegungen der Frömmigkeit hervorgegangene Zuspitzung. Jede Freikirche – und ihre Kirchenfamilie – hat etwas Besonderes aus unserem gemeinsamen Schatz, das sie hochhält, das sie wachhält, und das wiederum sie selbst antreibt und prägt.

So ist es für mich bereichernd, dass freikirchlich-evangelische Frömmigkeit mit landeskirchlich-evangelischer Frömmigkeit einerseits selbstverständlich Gemeinschaft haben kann, andererseits jedoch nicht in ihr aufgeht. Beide können voneinander profitieren, einander auch heilsam relativieren, ohne ihre je eigene Frömmigkeit aufgeben zu müssen. Beide haben einander etwas zu geben, das ganz nahe beim Eigenen liegt – aber vielleicht auf der anderen Seite der Medaille.

Dass sie die Religionsfreiheit auf vielerlei Weise in Anspruch nehmen, ausprobieren, ausbreiten und hochhalten, gefällt mir besonders an den Freikirchen. Dem entspricht eine Frömmigkeit, die sich staatlichen Vorgaben gegenüber eigene Freiräume und auch gesellschaftlichen Konventionen oder dem Zeitgeist gegenüber bewusst ihre Unabhängigkeit bewahrt.

Dass andererseits viele Freikirchen so unbefangen moderne Medientechnik, populäre Musik oder zeitgemäße Formen und Gestalten des Gottesdienstes in ihr Gemeindeleben aufnehmen, ist mir gleichermaßen sympathisch. Zu dieser Aufgeschlossenheit für „neue Schläuche“ gehört nicht selten auch eine Offenheit für die weltweite Vielfalt der Sprachen und Kulturen dazu. Sie speist sich aus der internationalen und ökumenischen Verbundenheit in den oft weltweit verbreiteten Freikirchen.

Hat „schätzen“ – wenn auch nichts Distanziertes – vielleicht doch etwas Gebremstes, Reserviertes an sich? Man schätzt einen verdienten Mitarbeiter, einen anständigen Geschäftspartner. Aber im Glauben verbindet uns das Band der Liebe. Hier ist kein Platz für vornehme Zurückhaltung. Im Rückblick kann ich nur sagen: Vieles von dem, was ich aufgezählt habe, schätze ich nicht nur, nein ich mag, ich liebe es an der freikirchlichen Frömmigkeit!

Privatdozent Dr. Albrecht Haizmann ist Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Baden-Württemberg (ACK).

„Sei mutig und stark!“

Die Evangelisch-Freikirchliche Akademie Elstal hat vom 18. bis 22. Februar wieder die Fortbildung für ordinierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Anfangsdienst (FiA) angeboten. Diesmal zum Thema „Führen und Verändern“.

„Sei mutig und stark!“ Im Abschlussgottesdienst gab Pastorin Silke Tosch diesen Zuspruch Gottes, den Josua am Anfang seines Dienstes erhielt, an die 35 „Anfänger“ weiter. Sie waren zu einer der beiden jährlichen Fortbildungen im Anfangsdienst nach Elstal gereist und konnten von den Erfahrungen der Referenten profitieren. Hans-Günter Simon startete mit dem Thema „Persönlichkeit und Rolle“. Er vermittelte den Teilnehmenden anhand gruppendynamischer Übungen, dass jede Gruppe auf ihrem Weg von einer Orientierungsphase erst durch die Kampf- und Organisationsphase in die Arbeitsphase kommt, in der sie dann als Team gut funktioniert. Solche Gruppenprozesse zu begleiten und zu steuern, gehört zu den wichtigen und schweren Aufgaben der Leitung in Gemeinden, und damit auch der Pastorinnen und Pastoren. Welche Kompetenzen dafür nötig und hilfreich sind, erklärte Dietmar Nowottka. Um die eigenen Stärken und Schwächen hier gut einschätzen zu können, gab es Zeiten der Selbstreflexion und Austausch darüber in kleinen Gruppen. In Gemeinden und Organisationen gibt es Entwicklungen und Veränderungen. Während Entwicklungen schrittweise aus eigenen Ressourcen mit nur geringer Verunsicherung bewältigt werden können, lösen Veränderungen oft große Verunsicherung und Konflikte aus. Sie dennoch gut zu begleiten und zu gestalten, dafür bot Nowottka den Teilnehmenden reichlich Material und Werkzeuge an, zum Beispiel die sprachliche Visitenkarte, bei der die Veränderung mündlich in kompakter Form veranschaulicht wird.

In der Mitte der Fortbildungswoche stand ein Tag mit Irmgard und Friedbert Neese zum Thema „geistlich leiten“. Sie schöpften aus ihren langjährigen Erfahrungen in verschiedenen Diensten in Gemeinden und Bund und brachten die Teilnehmenden ins Nachdenken über ihre eigene Berufung und auch über das Erleben von Vollmacht und Ohnmacht.

Gemeinsam mit Silke Tosch begleitete Thorsten May die gesamte Fortbildungswoche: „Ich habe mich als Vertreter des Vertrauensrats sehr über die engagierten und kompetenten jungen Kolleginnen und Kollegen gefreut. Es macht richtig Spaß, die Früchte der Arbeit unserer Hochschule und der Akademie ‚live und in Farbe‘ zu sehen. Es war schön mit euch!“

Neben all den intensiven Lektionen zum Thema genossen die Teilnehmenden natürlich auch das Wiedersehen mit Studienfreunden und die freien Abende im Bistro auf dem Campus. Einige erreichen im Sommer den Abschluss ihres Anfangsdienstes und stellten die Frage, ob sie auch danach noch zu den Fortbildungen kommen dürfen. Kein schlechtes Zeichen, oder?

Alt werden? Anders!

Das Leben im Alter hat unterschiedliche Facetten. Am 9. Februar fand dazu der erste Impulstag Älterwerden in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (EFG) Kassel-West statt.

Aus ganz Deutschland haben sich 28 Menschen nach Kassel aufgemacht, um am ersten Impulstag des Jahres 2019 im Forum Älterwerden teilzunehmen. In einem Referat zum Thema: „Alt werden? Anders!“ machte Friedrich Schneider (Pastor i.R.; Oldenburg) die Teilnehmenden mit den Veränderungen und Wendepunkten im Alter bekannt. Denn ältere Menschen ticken nicht gleich und sind nicht gemeinsam in einer Gruppe oder mit einem Angebot glücklich. Je nach Interessen, Mobilität, finanziellen Möglichkeiten und sozialer Anbindung sieht das Leben im Alter sehr unterschiedlich aus. Was das für die Gemeinden und ihre Angebote bedeutet, wurde intensiv diskutiert. Schon während des Austauschs nach dem Referat ging es lebhaft zu. Was brauchen ältere Menschen und wie kann Gemeinde ein guter Ort für so unterschiedliche Menschen sein? Ideen und Beispiele wie Literaturkreise, Handwerk- oder Kochkurse wurden genannt. Diese Hobby- oder Interessengruppen schließen sich oft zusammen, weil Menschen miteinander etwas unternehmen wollen. Aber auch der Ausbau der diakonischen Angebote wie des Besuchsdiensts ist nötig, um mit Gemeindemitgliedern in Kontakt zu bleiben, die nicht regelmäßig aktiv am Leben der Gemeinde teilnehmen können.

Ein Teilnehmer berichtete: „Bei uns laufen alle Angebote als Projekte. Jeweils für drei Monate schließen sich Menschen zusammen und tun sehr unterschiedliche Dinge miteinander. Vom Bücherclub bis zum Sport ist alles dabei. Und es funktioniert richtig gut.“

Aus diesem Tag und den vielen Beispielen und Inhalten ist eine Dokumentation entstanden. Sie kann auf der Internetseite des Fachbereichs Familie und Generationen heruntergeladen werden. Dieser Impulstag war der erste Baustein in einer Reihe. In diesem Jahr finden noch zwei weitere Impulstage zu diesem Thema statt. Die nächsten Impulstage folgen:

18. Mai 2019 im Begegnungszentrum Weltersbach, Referent: Uwe Lewin (Pastor im Sozialdienst Weltersbach)

9. November 2019 in der EFG Lübeck – Friedenskirche, Referentin: Dagmar Wegener (Pastorin EFG Berlin-Schöneberg)

Und mit den Referenten werden jeweils neue Schwerpunkte für ein und dasselbe Thema gelegt. Herzliche Einladung zu einem der weiteren Impulstage!

Frömmigkeitsformen in der Brüderbewegung

Ursprünglich stammt Alexander Rockstroh aus der Landeskirche. Heute ist er Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Brüdergemeinden „ChristusForum Deutschland“. Welche Ausdrucksformen der Frömmigkeit er innerhalb der Brüderbewegung besonders schätzt, beschreibt er in diesem Beitrag zur Artikelserie „INSPIRIERT LEBEN“.

Es ist Herausforderung und Freude zugleich, für jemanden, der seine geistlichen Wurzeln nicht in der Brüdergeschichte hat und der nicht in diesem Kontext groß geworden ist, über die typischen Ausdrucksformen der Frömmigkeit dieser Bewegung zu schreiben.

Meine ersten Begegnungen mit Menschen aus der Brüderbewegung waren bezeichnend und irritierend zugleich. Da haben sich mir Geschwister vorgestellt und bekannt „Ich gehe in eine Brüdergemeinde, aber unsere Gemeinde ist eigentlich gar keine typische Brüdergemeinde!“ Und dieses Zugehörigkeitsbekenntnis oder auch Nichtbekenntnis begegnet mir gelegentlich heute noch. Es zeigt sehr schön den Spannungsbogen zwischen dem Selbstbewusstsein der Bewegung einerseits, dass man sich der Werte bewusst ist, und andererseits offenbart es fast eine schamhafte Zurückhaltung und innere Scheu, die eigene Gemeindezugehörigkeit und ihre Stärken ins Gespräch zu bringen.

Heute darf ich Teil dieser Bewegung sein, mitgestalten und in der Tat genießen, weil ich so viel Wertvolles im Vergangenen und im Gegenwärtigen der Brüderbewegung sehe. Wir haben an vielen Stellen „Pfunde“, mit denen wir wuchern können und welche wir nicht zu verstecken brauchen. Wenn unsere Stärken jedoch in einen geistlichen Hochmut münden, wenn wir meinen, unsere Besonderheiten wären Grund genug, uns zu einer geistlichen Elite zu erheben – dann spüren andere meist vor uns, dass eine Stärke und eine von Gott gegebene Berufung kippt und die einstige Kraft und Stärke zur Schwäche wird.

So bleibt es nicht aus, dass wir von „Pfunden und Wunden“ sprechen können. Jenseits solcher Zerreißproben kann festgestellt werden, dass die Brüderbewegung in Vergangenheit und Gegenwart von erheblicher Bedeutung für die geistliche Situation in vielen Ländern der Welt war und ist. Von praktisch allen renommierten Konfessionskundlern wird uns ein erheblicher Einfluss auf die gesamte evangelikale Christenheit zugestanden. Das sollten wir mit Demut und einem bußfertigen Herzen wahrnehmen, wo wir uns gegenüber anderen Christen manchmal abgegrenzt und für etwas Besseres gehalten haben. Das sollten wir aber auch mit Freude in Anspruch nehmen, um unsere Beauftragung in dieser Welt und im Leib Christi fröhlich und glaubensstark zu leben. In den nachfolgend beschriebenen Stärken und Ausdrucksformen unserer Frömmigkeit steckt viel „Erweckliches“ und Erweckung darf immer bei mir und bei uns beginnen. Uns über diese anvertrauten Pfunde zu freuen und mit ihnen zu wuchern im erbaulichen Miteinander des Leibes Christi, das ist mehr als ein frommer Wunsch, das ist Vision und Auftrag zugleich.

Welche Ausdrucksformen der Frömmigkeit sind typisch in der Brüderbewegung? Vier Punkte, die in der Geschichte immer wieder herausgestellt und benannt sind, die ich auch persönlich sehr genieße und die meinen Alltag wertvoll machen:

1. Das allgemeine Priestertum

Als jemand der aus landeskirchlichen Strukturen kommt, liebe ich diesen stark angewandten Aspekt des Priestertums aller Gläubigen. Das neutestamentliche Prinzip der „Bruderschaft“ und der Mitarbeit aller Gemeindeglieder am Gemeindeleben wird hochgehalten. Auch wenn ich auf einige unterschwellige Hierarchien vor Ort stoße, so bleibt doch das Prinzip: in Brüdergemeinden gibt es keine kirchlichen Rangstellungen. „Einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder!“ Dieses Prinzip ganz praktisch ausgelebt, bewahrt den Einzelnen vor Überforderung und Diensten, die nicht gabenorientiert sind. Brüdergemeinden haben wenig Konsumenten oder Alleinunterhalter. Dennoch glaube ich, dass es bei allem geschwisterlichen Miteinander auch eine gute und biblisch orientierte Form von dienender Leiterschaft braucht. Es ist zudem ein verantwortliches Miteinander von Männern und Frauen, von Älteren und Jüngeren.

2. Die Gemeinschaft am Tisch des HERRN

Die Wurzel und Identität der Brüderbewegung lag von Anfang an in ihrer Sicht vom „Tisch des HERRN“. Die sonntägliche Abendmahlsfeier mit ihrer Konzentration auf Christus und seinem stellvertretenden Tod am Kreuz ist ein Juwel, das bis heute nicht nur anziehend wirkt, sondern beim Brotbrechen begegne ich dem gekreuzigten und auferstandenen HERRN in besonderer Weise. Jesus selbst spricht in die Zukunft hinein, dass dies zur Erinnerung aber auch zur Verkündigung dessen geschieht, was ER am Kreuz für uns getan hat. Wenn Christus uns verheißt, dass wir beim Abendmahl etwas verkünden, nämlich seine Auferstehung, dann darf das Abendmahl fröhlich sein und muss nicht zwangsläufig hinter verschlossenen Türen im kleinen Kreis stattfinden. So erlebe ich die regelmäßige Gemeinschaft mit den Geschwistern am Tisch des HERRN als Kräftigung und Stärkung!

3. Liebe zur Heiligen Schrift

Die Brüderbewegung war und ist immer eine Bibelbewegung. Und das ist gut so! Die Heilige Schrift wird als inspiriertes und unfehlbares Wort Gottes anerkannt. Christen aus der Brüderbewegung kennen in der Regel ihre Bibel. Um sie grundtextgenau lesen und auslegen zu können, entstand bereits ab 1854 eine eigene, sehr wortgetreue Übersetzung, die Elberfelder Bibel. Die Segensgeschichte dieser Bibelübersetzung ist kaum zu unterschätzen. Wenn ich mit meinen Geschwistern zusammen Bibel lese und Wort Gottes auslege, dann berührt mich die innere Haltung, dass wir dies in der gemeinsamen Sicht tun: „Jetzt spricht Gott zu uns! Das ist Gottes unfehlbares Wort!“ Ich brauche nicht in erste Linie zu deuten und zu interpretieren und Methoden anzuwenden, sondern ich darf lesen und hören, was ER mir zu sagen hat.

Ich mache Mut, mit diesen Pfunden zu wuchern und sie fröhlich und glaubensstark ins Reich Gottes einzubringen. Es macht mir Mut, dass wir durch Gottes Geist auch immer wieder auf die verbindenden Aspekte der einzelnen Glieder am Leib Christi hingewiesen werden und dass wir mehr und mehr aus dem Rückzug und der Absonderung heraustreten. Ich habe Mut, Erneuerungen und Veränderungen zuzulassen, ohne Werte aufzugeben.

Alexander Rockstroh ist Theologe und Betriebswirt. Er leitet als Geschäftsführer die Arbeitsgemeinschaft der Brüdergemeinden „ChristusForum Deutschland“ im BEFG. Zusammen mit seiner Frau Katrin und den beiden Söhnen wohnt er in Neunkirchen am Sand in Bayern.

 

 

Ein Traum verändert die Welt

Am 9. und 10. Februar fanden in der ausverkauften Essener Grugahalle die zwei Uraufführungen des Chormusicals „Martin Luther King – Ein Traum verändert die Welt“ statt. Rund 2.400 Sängerinnen und Sänger bildeten das Herzstück dieses Mitmachprojektes der Stiftung Creative Kirche. Sie sangen vor zwei Mal 4.500 Besuchern und machten deutlich, wie wichtig die Botschaft des berühmten Baptistenpastors auch 50 Jahre nach seinem Tod noch immer ist.
 
„Mein Traum ist der, dass man sich als Geschwister schätzt, sich gleich und fair an Gottes Tisch des Friedens setzt“, heißt eine Stelle aus dem Lied, in dem die berühmte „I have a Dream“-Rede Martin Luther Kings vertont ist. Die Songtexte und Spielszenen des Musicals hat Andreas Malessa verfasst, Hörfunkjournalist und Pastor im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG). „Ich hoffe“, so sagte er, „dass die Zuschauer mit der tiefen Zuversicht und Gewissheit nach Hause gegangen sind, dass Nächstenliebe, Solidarität, Gerechtigkeit und Frieden kein Tagtraum sind, sondern Ziele, für die es sich zu leben und zu kämpfen lohnt.“###3_IMAGES### Christoph Stiba, Generalsekretär des BEFG, der Kooperationspartner des Musicals ist, war einer dieser Zuschauer. „Ich finde, das ist gelungen“, kommentierte er den Wunsch Malessas nach der Aufführung. Sowohl der riesige Chor, der die eigentliche „Hauptperson“ des Stückes sei, als auch die anderen Darstellerinnen und Darsteller hätten mit stimmgewaltigen und nachdenklich stimmenden Liedern dazu beigetragen, sich darauf zu besinnen, dass der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit nicht nur das Anliegen Martin Luther Kings war. „Das Evangelium von Jesus Christus ist es, das uns dazu auffordert, Nächstenliebe, ja sogar Feindesliebe zu üben. Und darauf hat sich auch King berufen.“

Inhaltlich spielt der Chor die Rolle der „Gefährten Martin Luther Kings“, erläuterte Malessa: „King hatte einen großen Kreis von Freunden und Mitstreitern. Mit denen hat er sich wahrscheinlich häufiger darüber auseinandergesetzt, ob der Kampf für Frieden und Gerechtigkeit wirklich gewaltlos geführt werden muss oder ob Gewaltanwendung an der einen oder anderen Stelle nicht doch legitim ist.“ Fragen wie diese oder auch, welche Rolle die eigene Spiritualität und das politische Engagement im Einsatz für die Menschenwürde spielten, diskutiere der Chor singenderweise. „Das sind Fragen, die wir uns immer noch – oder schon wieder – stellen“, sagte Stiba. „Nicht zuletzt das zeigt, wie aktuell das Stück um Martin Luther King heute noch ist.“ Insofern sei er sehr dankbar, dass dieses Musical „gerade in diesen bewegten Zeiten“ aufgeführt werde: „Wir merken leider zunehmend wie die Schwelle für hasserfülltes Reden und körperliche Gewalt in unserer Gesellschaft immer niedriger wird“, sagte Christoph Stiba. „Als Christen haben wir dem etwas entgegenzusetzen, denn wir folgen Jesus nach. Ihm ist unsere Welt nicht gleichgültig. Und weil wir uns an Jesus orientieren, setzen wir uns auch für diese Welt ein.“ Das Musical und die Geschichte von Martin Luther King zeigten, dass man die Hoffnung nicht aufgeben dürfe, weil man auch als einzelne Person Großes anstoßen könne, wenn man von der Sache überzeugt sei. „Und nebenbei bemerkt passt das Stück inhaltlich auch wunderbar zur Jahreslosung ‚Suche Frieden und jage ihm nach‘“. ###3_IMAGES### „Grandios“, „fantastisch“, „großartig“, „phänomenal“ – mit diesen Superlativen beschrieben Sängerinnen und Sänger die Aufführung. Auch Anneliese Horst aus der EFG Gelsenkirchen-Buer war begeistert: „Für mich ist es eine großartige Aktion, mit einem solchen Event der Creativen Kirche in die Öffentlichkeit zu treten, um Gottes Traum für die Welt weiterzugeben“, sagte die Sängerin. „Das hervorragende Libretto von Andreas Malessa und die mitreißende Musik der Komponisten Hanjo Gäbler und Christoph Terbuyken erreichen sowohl die Herzen der Mitwirkenden als auch die der Zuschauer“, schwärmte sie. Und bezugnehmend auf die Liedzeile „Gott bricht aus Bergen der Verzweiflung, Steine der Hoffnung uns heraus. Ja, wir vertrauen der Verheißung, bau‘n der Gerechtigkeit ein Haus“ stellte sie fest: „Das sind keine ‚spinnerten‘ Gedanken Martin Luther Kings, sondern sie sind zukunftsweisend und hoffnungsvoll.“ Auch ihre Mitsängerin aus der gleichen Gemeinde, Rita von Radzibor, die eigentlich dachte, sie sei mittlerweile zu alt für die Mitwirkung an solch einem Großprojekt, freute sich, dass sie sich doch zur Teilnahme entschieden hat: „Martin Luther King ist mein drittes Chormusical von der Creativen Kirche und nach meinem Empfinden ‚Gänsehaut pur‘. Die Botschaft ist aktueller denn je und wird über sehr gute Musik und Inszenierung direkt in die Herzen aller gesungen. Einfach toll! Inmitten von Jungen und Älteren zu singen, ist eine Bereicherung für Kopf und Seele.“ Und Tochter Birte von Radzibor-Horst war ebenfalls „beeindruckt, berührt, beseelt und motiviert. Der allerbeste Grund an diesem Projekt teilzunehmen“, so sagte sie, „ist die Botschaft, die sich dahinter verbirgt: Nächstenliebe und Gerechtigkeit. So hat sich Gott die Welt erträumt, und die Nachricht erreicht alle, Zuhörer wie Teilnehmer.“

Die nächste Aufführung des Musicals findet am 20. Juni beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in der Westfalenhalle in Dortmund statt. Es werden noch Sängerinnen und Sänger gesucht. Ein Arbeitskreis des Bundes erarbeitet derzeit Begleitmaterial zum Thema „Martin Luther King“, welches in Gemeindeunterrichtsgruppen, speziellen Gottesdiensten oder Bibelkreisen genutzt werden kann. Im Jahr 2020 tourt das Chormusical durch verschiedene deutsche Städte. Auch hier kann man sich noch für eine Teilnahme bewerben.

Täglich fünf Minuten Gott auf Knien anbeten

Die siebte Konferenz der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung (GGE) im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) fand vom 23. bis 26. Januar in der Braunschweiger Friedenskirche statt. Unter der Überschrift „Weiter Raum“ ging es um das Thema Vollmacht. Für den BEFG waren Generalsekretär Christoph Stiba und der kaufmännische Geschäftsführer Volker Springer mit dabei. Ein Bericht von GEMEINDE-Redakteur Klaus Rösler.

Um eine intensive Beziehung zu Gott zu pflegen, sollte man ihn zum Tagesbeginn fünf Minuten auf Knien anbeten. Diesen Rat gab der Sprecher der GGE im BEFG, Dr. Stefan Vatter (Kempten), den 600 Teilnehmern der viertägigen Konferenz. Gerade wenn man „viel um die Ohren hat“, helfe dies, um sich bewusst als Christ den Aufgaben des Tages zu stellen. In dieser kurzen Zeit solle man Gott um seiner selbst willen anbeten, aber weder Gebetsanliegen noch Danksagungen formulieren. Die Teilnehmer übten diese Gebetspraxis im Tagungszentrum, der Braunschweiger „Friedenskirche“, gleich ein. Mit über 1.200 Mitgliedern ist die „Friedenskirche“ die größte Gemeinde im BEFG. Wie Vatter weiter sagte, sollte die Beziehung zu Gott sich auch auf weitere Lebensbereiche niederschlagen – etwa in der Familie und der Gemeinde. Wenn Christen beteten, habe dies Auswirkungen. Er verwies auf ein Gespräch mit einem jungen Mann, der ihm gesagt habe, er wolle gerne weltlich und nicht als Christ leben. Doch er könne dies nicht, weil er wisse, dass seine Eltern für ihn beteten. Wie Vatter weiter sagte, sollten Christen auch nicht nachlassen, für die politisch Verantwortlichen und die Gesellschaft zu beten. Wenn Christen dies täten, so Vatter weiter, werde es einen „Ruck des Glaubens“ in der Gesellschaft geben. Zum Motto der Tagung „Vollmacht“ sagte er, sie zeige sich nicht dadurch, dass Christen plötzlich stärker als bisher das übernatürliche Wirken Gottes erlebten, sondern dass sich in ihnen das Wesen Gottes, seine Liebe und Heiligkeit, widerspiegelten. ###3_IMAGES###Die Pastorin der ICF (International Christian Fellowship) in Karlsruhe, Sibylle Beck, plädierte für einen evangelistischen Lebensstil. Dabei gelte es, von eigenen Erlebnissen mit Gott weiterzuerzählen, anstatt allgemeine geistliche Richtigkeiten von sich zu geben. Ferner sei es nötig, sich immer wieder über die Motivation klar zu werden. Nicht das Streben nach Gemeindewachstum sei entscheidend, sondern die Liebe zu den Menschen. Sie rief dazu auf, auch geistlich Suchende als Mitarbeiter in eine Gemeinde zu berufen. Dadurch merkten sie, dass sie dazugehörten und gebraucht würden.

Die Bedeutung von „Wertschätzung“ unterstrichen der frühere Hauptpastor in der Friedenskirche, Dr. Heinrich Christian Rust, und sein Nachfolger, Dr. Michael Bendorf. Mit der Berufung von Bendorf im August 2015 war Rust in die zweite Reihe der Gemeinde gewechselt. In diesem Jahr wird er in den Ruhestand gehen. So ein Wechsel könne geräuschlos vonstattengehen, wenn man sich gegenseitig mit Wertschätzung begegne, sagten beide in einem Podiumsgespräch.

Über die Hälfte der Tagungsteilnehmer folgte einem Aufruf, für sich beten zu lassen, weil sie erleben wollten, dass Freunde oder Bekannte durch ihr Mitwirken Christen würden. Diese Erfahrung werde in den Gemeinden der Freikirche immer seltener gemacht, weil darüber auch nicht oft gepredigt werde, hieß es in Braunschweig.

Vor der Tagung trafen sich GGE-Mitarbeiter mit 40 jungen Leitern zu einem Mentorentag. Es sei wichtig, schon junge Leute Verantwortung zu übertragen, um die Arbeit breiter aufzustellen, so Vatter. Und so führten unter anderem zwei junge Frauen in Braunschweig als Moderatorinnen mit durch das Programm: die Mediengestalterin Stefanie Betz (Landshut) und die Psychologiestudentin Sarah Vatter (Eichstätt).

Wie Stefan Vatter der GEMEINDE mitteilte, stieß die Tagung auf weithin positive Resonanz. 170 Gemeinden seien vor Ort gewesen, einige mit der kompletten Gemeindeleitung. Die Vertreter der Gemeinde Gronau seien vom Erlebten so begeistert gewesen, dass sie am Sonntag nach der Tagung im Gottesdienst die Predigt ausfallen ließen, um zu berichten, wie sie in Braunschweig Gott erlebt hätten. Die GGE setzt sich innerhalb der Freikirche für eine umfassende geistliche Erneuerung ein. Kernanliegen sind eine Erneuerung durch das Wort Gottes, den Geist Gottes, Heiligung, Evangelisation und wirksames Führen. Zum Freundeskreis der GGE zählen etwa 1.300 Personen, davon sind etwa 250 Pastoren und hauptamtliche Gemeindemitarbeiter.

Ein Artikel von Klaus Rösler (DIE GEMEINDE)

Fotos: Natalie und Stefanie Betz

Rechtzeitig zur Konferenz ist die Internetseite AHELP FÜNFFÄLTIG an den Start gegangen. Initiatoren sind die Pastoren und GGE-Leitungsmitglieder Dr. Stefan Vatter und Matthias Lotz. Mit der Seite und dem entsprechenden Netzwerk wollen sie Gemeinden im fünffältigen Dienst unterstützen. Auf der Seite befindet sich unter anderem ein Online-Test, der bei der Selbsteinschätzung in Bezug auf die unterschiedlichen Dienste helfen soll: Apostel (A), Hirte (H), Evangelist (E), Lehrer (L) und Prophet (P). Das Netzwerk will „geistliche Architekten ins Gespräch bringen, die mit ihren Gemeinden im fünffältigen Dienst unterwegs sind oder sein wollen.“

Gut aufgestellt für die Zukunft

Die Evangelisch-Freikirchliche Immanuel Albertinen Diakonie feierte ihre Gründung Ende Januar mit einem Festakt in Hamburg sowie einem Festgottesdienst in Berlin mit mehr als 1.000 Gästen.

Anfang des Jahres schlossen sich die Immanuel Diakonie aus Berlin und das Hamburger Albertinen-Diakoniewerk mit insgesamt 6.700 Mitarbeitenden zusammen. Auftakt für die Feierlichkeiten zur Fusion war ein Festakt am Freitag, 25. Januar, in Hamburg mit 400 Gästen aus Politik, Gesundheitswirtschaft und Diakonie – zu ihnen zählten auch Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher und Staatsminister im Auswärtigen Amt Niels Annen (MdB). Der Generalsekretär des Bundes Evangelisch Freikirchlicher Gemeinden (BEFG), Pastor Christoph Stiba, betonte in seinem Grußwort in Hamburg: „Die Immanuel Albertinen Diakonie geht einen wichtigen und notwendigen Schritt zur Stärkung der institutionellen Diakonie. Die menschliche Zuwendung zu Patienten, Bewohnern und ihren Angehörigen, zu allen Menschen, die sich der Immanuel Albertinen Diakonie anvertrauen, macht den Charakter der Diakonie aus und prägt die Atmosphäre. Mein Wunsch ist, dass das in den Einrichtungen der ‚großen‘ Immanuel Albertinen Diakonie in Zukunft genauso gelingt, wie es in der Vergangenheit gelungen ist. Denn das macht Diakonie zu einer Lebens- und Wesensäußerung unserer Freikirche.“###3_IMAGES###Zwei Tage später, am Sonntag, 27. Januar, feierte die Immanuel Albertinen Diakonie ihre Gründung dann mit einem Festgottesdienst unter dem Motto „ZusammenWachsen“ im Gemeindezentrum der Baptisten Berlin-Schöneberg mit 650 Gästen.

Die Vorsitzenden des jüngst gewählten Aufsichtsrates Dr. Manfred Radtke (Vorsitz) und Jürgen Ross (stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender) begrüßten die Gottesdienstgäste gemeinsam mit Pastorin Flor Abojalady. Der Posaunenchor der evangelisch-lutherischen Gemeinde Hamburg-Schnelsen und der Bläserchor der Baptisten Schöneberg sowie der Frauenchor der angolanischen Gemeindegruppe und die Band der Baptisten Schöneberg begleiteten die Veranstaltung musikalisch. Die Predigt hielt Pastor Michael Noss, Mitglied des Aufsichtsrats und Präsident des BEFG. „Diakonie dient den Menschen, indem sie ihnen Hilfe und Zuspruch, Hoffnung und Perspektive gibt. Immanuel heißt ‚Gott geht mit‘ und Albertine bedeutet, ‚die mit der guten Gesinnung‘ – daran wollen wir uns in unserem diakonischen Handeln orientieren“, sagte Noss.

Gemeinsam die Zukunft gestalten

Udo Schmidt (Berlin) und Matthias Scheller (Hamburg), gleichberechtigte Geschäftsführer in der Immanuel Albertinen Diakonie, machten in ihren Ansprachen in Hamburg und Berlin deutlich, dass der Zusammenschluss große Chancen für die zukünftige Entwicklung des Unternehmens eröffne und betonten die gemeinsame Wertebasis. Matthias Scheller: „Wir haben uns als zwei regional sehr angesehene und finanziell gesunde Diakoniewerke zusammengetan, um gemeinsam noch stärker zu werden. Mit der so erreichten Verdopplung unserer Unternehmensgröße haben wir beste Voraussetzungen dafür geschaffen, unsere Zukunft auch weiterhin selbstbestimmt gestalten zu können. Gleichzeitig entsteht eine Plattform als mögliche Heimat für weitere Träger.“

Udo Schmidt: „Wer sich über die Werte einig ist, hat ein starkes gemeinsames Fundament, auf dem sich alles Weitere aufbauen lässt. Die Immanuel Albertinen Diakonie versteht sich als christlich, freikirchlich, ökumenisch, diakonisch, exzellent und mutig und knüpft damit an die Geschichte beider Diakoniewerke an, die nicht zuletzt aufgrund der zugrundeliegenden Werte so überaus erfolgreich verlaufen ist.“

Im Anschluss an den Festgottesdienst präsentierten sich zahlreiche Einrichtungen der Immanuel Albertinen Diakonie auf einem Informationsmarkt – eine gute Gelegenheit auch für die neuen Kolleginnen und Kollegen sich und die neuen Partnereinrichtungen kennenzulernen.###3_IMAGES###

Breit aufgestellter Diakoniekonzern mit 6.700 Mitarbeitenden in sieben Bundesländern

Die Immanuel Albertinen Diakonie betreibt fünf Krankenhäuser sowie eine Reha-Klinik in Hamburg, Berlin und Brandenburg. Schwerpunkte der stationären Versorgung sind unter anderem die Herz- und Gefäßmedizin mit zwei großen Zentren in Hamburg und Bernau bei Berlin, die Geburts- und Altersmedizin, die Behandlung von Erkrankungen des Bewegungsapparates, die Psychiatrie und Psychotherapie, die Rheumatologie sowie die Tumormedizin.

Die Immanuel Albertinen Diakonie betreibt darüber hinaus zahlreiche Einrichtungen der Altenhilfe, Hospizdienste und Medizinische Versorgungszentren. Hinzu kommen die Betreuung von Menschen mit Behinderungen, Angebote unter anderem in der Suchtkrankenhilfe, der Kinder- und Jugendhilfe und der psychosozialen Beratung. Mit einer Pflegeschule, einer Fortbildungsakademie und der Trägerschaft für eine themenverbundene Hochschulausbildung ist die Immanuel Albertinen Diakonie auch in der Aus-, Fort- und Weiterbildung engagiert. Hinzu kommen mehrere Dienstleistungsgesellschaften.

Insgesamt erwirtschaften mehr als 6.700 Beschäftigte in den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Thüringen jährlich einen Umsatz von über 540 Mio. Euro.

Ein Artikel von Dr. Fabian Peterson und Dr. Jenny Jörgensen

„Sag’s einfach!“

Was ist eigentlich die gute Nachricht für mich und für meine Nachbarn? Die AmPuls-Konferenz am 18. bis 20. Januar in Hannover machte Mut, diese Frage wieder neu zu stellen und frischen Wind in der Mission Gottes zu spüren.

Den Auftakt erlebten über 60 Gemeindegründer/-innen bei  ihrer Konferenz „Gründer:Zeit - the next level“ am Freitag.  „Gründer sind mal mutig und mal weniger mutig. Aber sie machen eins nicht: Sie bleiben niemals stehen“. Diese Begrüßungsworte von Klaus Schönberg, Referent für  Gemeindegründung, wurden im Lauf des Tages mit inspirierenden Geschichten und Videos  aus den über 25 Gründungsprojekten im BEFG unterstrichen.

Renke Bohlen, Gründer und Pastor der „Kirche im Pott“  berichtete über die verschiedenen Phasen, die sein immer größer werdendes Team seit 6 Jahren durchlief:  vom Herz für eine bestimmte Stadt, über die Idee einer Gemeindegründung in Bochum, bis zu einer Kirche, die für Menschen da ist und sie für Jesus begeistert, inzwischen jeden Sonntag etwa 600 Gottesdienstbesucher. Besonders wichtig sei es ihnen, Menschen zu Jesus zu führen, und sich nicht als mit anderen konkurrierende Eventkirche  zu verstehen.  „Wir lieben Gott, wir lieben Menschen, geben unser Bestes und haben Spaß dabei“ gab er den Zuhörern als einen der Grundwerte seiner Kirche mit auf den Weg.

„Betrachte die Menschen in deiner Stadt als VIPs“, ergänzte Markus Schmidt, Pastor der „Kirche 316“ aus Hannover. Er lud die Gründer ein, sich immer nach Wachstum auszustrecken, aber sich dabei nicht an den Erfolgsgeschichten boomender Gemeinden zu messen, sondern von Gott prägen zu lassen  und dann in andere zu investieren. Als Vorbild wurde das Projekt „Treffpunkt Oase“ aus der Kleinstadt Zehdenick (Brandenburg) mit dem diesjährigen Gründerpreis geehrt.

Am Freitagabend füllte sich das Gemeindehaus in der Walderseestraße mit den insgesamt über 200 Teilnehmern der AmPuls-Konferenz, zu der einige Gemeindeleitungen als ganze Gruppe (mit Rabatt) angereist kamen. Tobias Faix, Professor für praktische Theologie an der CVJM-Hochschule Kassel, forderte die Teilnehmenden gleich richtig: Einerseits mit tiefschürfenden Analysen unserer gesellschaftlichen Situation, in der christliche Denk- und Begriffsmuster nicht mehr selbstverständlich sind. Und andererseits mit der konkreten Aufgabe, das Evangelium in zwei Sätzen zusammenzufassen. Und dabei zu überlegen, ob dieses Evangelium auch von unseren Nachbarn als Gute Nachricht verstanden werden könne. Er ermutigte die Anwesenden eine Mehrsprachigkeit im Glauben zu entwickeln, damit Menschen verstehen, worum es im Kern geht: um Christus. Aus der soziologischen Theorie von Hartmut Rosa, Professor in Jena, folgerte er die Frage: Wie kann Gemeinde ein Resonanzraum sein, in dem Menschen entdecken, dass Gott ihre Sehnsucht nach dem guten Leben erfüllen will?                                                                                                               

Hervorragende Resonanz fand dann das Angebot, den Abend bei guten Gesprächen und Getränken in der Lounge ausklingen zu lassen. Der gastgebenden Gemeinde und den Mitarbeitenden in Hannover ist zu danken, dass sie der Konferenz ein wunderbares Zuhause geboten hat.

In seiner  Bibelarbeit am Samstag legte Tobias Faix Texte aus dem Propheten Sacharja und aus den Evangelien aktuell aus:  Gott verheißt, dass keine Mauern mehr zum Schutz der Gemeinde nötig sind. Mission wirkt viel besser durch Sog als durch Druck. Jesus verwandelt die Angst vor ansteckender Krankheit in die Hoffnung auf ansteckende Gesundheit. Und: „Vielleicht ist Gott längst am Reden und ich sollte einfach mal meine Klappe halten…“              

Eine Vielfalt von über 20 Worskhops und Seminaren ermöglichte am Samstag ganz individuelle und praktische Konferenz-Erfahrungen: „Bibel teilen“ mit Christopher Rinke oder „Straßenexerzitien“ mit Gaby Löding, „Inklusion im Gottesdienst“ mit Annette Rebers oder „Flüchtlingshilfe in unseren Gemeinden“ mit Rufus Böhringer, geistliches Leben und konkrete Herausforderungen – beides gehört zum Leben in Gottes Mission.

Drei Mal ganz besonders herausgefordert wurden die Zuhörer bei den x-talks am Nachmittag: „Von der Vision zum erlebten Traum – AUSTAUSCH, das soziale Kaufhaus“ (Mihaela Münch, Hannover), „Wo ist vorne? Oder: Warum wir rückwärts durch die Zeit reisen …“ (Jens Stangenberg, Bremen), „Die Relevanz der Mission heute“ (Grenna Kaiya, Elstal).

Als Höhepunkt haben viele den Abend erlebt, an dem in Videos und Interviews drei Projekte von Gemeindegründern vorgestellt wurden: Wie Valery Valère in Berlin mit Flüchtlingen ein Theaterstück auf die Bühne gebracht, Lukas Petschelt in seinem Heimatort Hennigsdorf eine alte Werkstatt zum Gemeinde- und Begegnungszentrum umgebaut, und Thorsten Marks in Solingen einen Fußballverein für behinderte Kinder geöffnet hat – bewegende Geschichten, auch von Grenzerfahrungen und Krisen, aber vor allem davon, wie jeder auf seine Weise und jede mit ihrer Begabung die Welt verändern kann!

Die inspirierende Konferenz verband sich am Sonntag mit der gastgebenden Gemeinde im Gottesdienst: Joachim Gnep malte in seiner Predigt vor Augen, wie Paulus sein Evangelium an jedem Ort auf neue Weise ausgedrückt hat, zum Beispiel für die Menschen in Athen in der Sprache ihrer Religiosität und Kultur. „Was ist mein Evangelium?“  - die Frage gab Gnep den Zuhörern als Aufgabe mit und beantwortete sie auf seine Weise: „Wir sind nicht allein.“ Aus diesem kleinen Satz entfaltete er viele Aspekte seines Glaubens – und daraus könnten vielleicht auch manche seiner Nachbarn eine gute Nachricht für sich hören.

Die AmPuls-Konferenz hat einmal mehr Mut gemacht  zum Nachdenken und zur Hingabe, zum Vertrauen auf Jesus und zum Einsatz für Gottes Welt. Wir können uns schon auf das nächste Mal freuen: am 24. bis 26. Januar 2020 in Hagen!                                                                                                                                                              

Aus einem Bericht von Ruth und Jasmin Panter (Saarbrücken),
zusammengestellt und ergänzt durch Thomas Klammt

ACK-Delegierten: Trennung von Staat und Kirche

Die Delegierten der BEFG-Landesverbände in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) haben sich zu Jahresbeginn in Elstal versammelt. Darunter Prof. Dr. Erich Geldbach, der am 1. Februar 2019 seinen 80. Geburtstag feiert.

An vielen Orten gibt es lokale ökumenische Zusammenschlüsse der ACK. Hier pflegen die Landesverbände des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) vor Ort ökumenische Beziehungen. Um sich über ihre regionalen Grenzen hinaus auszutauschen und zu vernetzen, entsenden sie darüber hinaus Delegierte zu einem jährlichen Treffen in Elstal.

Das Thema der diesjährigen Versammlung am 25. und 26. Januar war das Verhältnis von Staat und Kirche in einer multikulturellen und multireligiösen Welt. Prof. Dr. Erich Geldbach stellte aus einer freikirchlichen Perspektive den Entwurf von sieben Thesen zu diesem Verhältnis vor, der zuvor von einem Arbeitskreis erarbeitet worden war. Eine These beschreibt beispielsweise die Grenzen staatlichen Handelns zugunsten der Religionsgemeinschaften. So sei es beispielsweise problematisch, wenn der Staat die Religionszugehörigkeit speichere. Auch aus diesem Grund verzichtet der BEFG auf den Einzug von Kirchensteuern mit staatlichen Mitteln. Die Thesen werden noch weiter diskutiert, und über eine Veröffentlichung wird danach entschieden werden.

Eine weitere These besagt, dass die Theologie an staatlichen Hochschulen von der Zustimmung und Zugehörigkeit zu einzelnen Religionsgemeinschaft entkoppelt werden solle. Dafür hat sich Prof. Dr. Erich Geldbach stets eingesetzt. Denn er ist überzeugt: „Man kann ja aus vielen Gründen zur evangelischen Theologie übertreten. Aber nicht, um einen Lehrstuhl zu kriegen.“ Der Baptist war als einer der wenigen Freikirchler Inhaber eines Lehrstuhls an einer theologischen Fakultät. Dr. Erich Geldbach war von 1997 bis zu seiner Emeritierung 2004 Professor für Ökumene und Konfessionskunde an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bochum. Zuvor war er seit 1981 Mitarbeiter am konfessionskundlichen Institut in Bensheim. Geldbach trat beispielsweise im Ökumenischen Rat der Kirchen, in der Konferenz Europäischer Kirchen und in der ACK leidenschaftlich für den Baptismus, für Religionsfreiheit und die Trennung von Staat und Kirche ein und tut dies weiterhin. Denn sinnbildlich müsse im Hinblick auf das Verhältnis zum Staat – in Anlehnung an den Baptisten Roger Williams – die Welt als Wildnis von der Kirche als Garten getrennt sein. „Prof. Dr. Erich Geldbach hat sich um den Baptismus und seine Werte verdient gemacht“, würdigte BEFG-Generalsekretär Christoph Stiba ihn am Rande der Tagung. „Anlässlich seines 80. Geburtstags danken wir ihm für seinen vielfältigen und beherzten Einsatz und sein fachliches Engagement.“

Die ACK-Delegierten berichteten aus den einzelnen Landesverbänden zum Beispiel von der Beobachtung, dass konfessionelle Grenzen vermehrt schwinden. Eine Erfahrung stammte von Mona Kuntze aus dem Vorstand des Christinnenrats, einem ökumenischen Zusammenschluss von Frauenorganisationen. Sie betonte, dass Frauen sich gerne auch im praktischen Gottesdienstvollzug einbrächten wie beim Weltgebetstag der Frauen, der am 1. März – nicht nur für Frauen – stattfindet. Unter dem Motto „Gewagt 500 Jahre Täuferbewegung!“ stellte Bernd Densky außerdem die Planungen zu den Themenjahren 2020 bis 2025 vor. Einzelne ACK-Delegierte teilten ihre Erfahrungen, dass viele Christinnen und Christen, die gemeinsam in der Ökumene viele kleine Schritte tun, zusammen etwas verändern können.

Ich liebe meine Gemeinde!

Welche Bedeutung hat die Gemeinde für den Glauben von Baptistinnen und Baptisten? Dieser Frage geht Prof. Dr. Andrea Klimt in ihrem zweiten Beitrag zur Artikelserie INSPIRIERT LEBEN nach.

I love my church! So kommentiere ich gerne Fotos meiner Gemeinde. Ich liebe meine Gemeinde und wenn jemand aus meiner Gemeinde ein Foto von einem Sonntagsgottesdienst, einer Taufe oder einer Gemeindefreizeit auf Facebook postet, dann kommentiere ich gerne mit diesen Worten. Das hat sogar mein schottischer Facebookfreund schon bemerkt, dass „I love my church“ zu meinen Lieblingskommentaren gehört. Ich liebe meine Gemeinde. Und das trifft auf alle fünf Baptistengemeinden zu, zu denen ich bislang gehört habe.

Das sind sehr unterschiedliche Gemeinden. Gemeinden mit Tradition und Geschichte oder eine gerade erst vor wenigen Jahren gegründete. Gemeinden mit unterschiedlicher Altersstruktur. Gemeinden in sehr unterschiedlichen Regionen. Gemeinden mit Menschen aus sehr unterschiedlichen Kulturen. Gemeinden in alten und neuen Gebäuden. Gemeinden mit diakonischen Initiativen oder Werken und ohne. Gemeinden mit einem große Engagement im jeweiligen Bund oder auch nicht. Gemeinden mit vielen internationalen Kontakten oder mit wenigen. In jeder dieser Gemeinden habe ich gerne mitgearbeitet und mitgestaltet, gefeiert, gebetet, gelebt. Jede dieser Gemeinden hat meine Spiritualität geprägt und meine Liebe zur Gemeinde.

Was ist typisch für die gemeinsam gelebte Spiritualität in Baptistengemeinden? Das gemeinsame Gebet fällt mir dazu als erstes ein. Hier wird für mich die „Spiritualität“ einer Gemeinschaft besonders deutlich. Das Gebet ist in Baptistengemeinden so selbstverständlich wie das Atmen für den Menschen. Baptistinnen und Baptisten beten füreinander und miteinander. Alles wird im Gebet vor Gott gebracht: Das Weltgeschehen, persönliche Probleme, die Gegenwart und Zukunft der Gemeinde, die Not einzelner Menschen und ganzer Gesellschaften. Natürlich wird auch die Dankbarkeit gegenüber Gott im Gebet ausgedrückt. In vielen Gemeinden gibt es Gebetsgemeinschaften: in Gottesdiensten, Bibel- und Hauskreisen und anderen Gemeindeveranstaltungen. Jede und jeder ist aufgefordert, sich mit einem eigenen Gebet zu beteiligen. Für Außenstehende ist diese Gebetsform oft beeindruckend, manchmal auch ungewohnt und befremdlich. Im Grunde wird hier aber zweierlei deutlich. Zum einen, dass sich alle gleichberechtigt einbringen können und ihre eigenen Anliegen selbst formulieren. Zum anderen wird hier der persönliche Glaube, das Vertrauen in einen Gott, der Gebete hört und beantwortet, öffentlich praktiziert und das gemeinsam. Hier teile ich sehr persönliche Dinge mit Menschen, mit denen ich weder verwandt noch in erster Linie befreundet bin. Aber dass ich meine Anliegen mit den Menschen in meiner Gemeinde teilen kann, das verbindet mich mit ihnen.

Auch ein persönliches Gespräch endet oft mit Gebet. Nicht immer beten die Gesprächspartner direkt miteinander, dafür umso öfter füreinander, in ihrer persönlichen Gebetszeit, nachdem sie auseinandergegangen sind. Baptistinnen und Baptisten nehmen Anteil am Leben der Anderen. Auch das ist aus meiner Sicht typisch für eine baptistische Spiritualität: Das Leben miteinander zu teilen, den Alltag miteinander zu teilen. Das baptistische Gemeindeleben erschöpft sich nicht in der Gestaltung und Feier des Sonntagsgottesdienstes, auch während der Woche pflegen die Gemeindeglieder Kontakt zueinander. Sie haben eine gemeinsame Aufgabe. Sie bauen und gestalten miteinander „Gemeinde“ und sind mit der Verkündigung des Evangeliums betraut. In dieser Aufgabe verstehen sie sich als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Gottes. Hier ist ihr missionarisches, diakonisches, soziales und politisches Engagement begründet.

Zu diesem Handeln motiviert sie das Wort Gottes, die Bibel, die für sie alleinige Regel und Richtschnur für Glauben und Leben ist. Daher haben sie auch die Aufgabe, miteinander in der Bibel zu lesen. Hier ist die baptistische Spiritualität geprägt von Austausch und Dialog. Da es in unseren Gemeinden und Bünden kein „Lehramt“ gibt, das vorgibt, welche Glaubensinhalte verbindlich sind, müssen die Gemeinden sich selbst innerhalb der Gemeinde und im Miteinander der Gemeinden darüber verständigen. Hier gibt ein großes Vertrauen auf die Führung des Heiligen Geistes und eine gesunde Skepsis gegenüber allen selbsternannten Lehrautoritäten. Dieses gemeinsame Bibellesen und der nachfolgende Verständigungsprozess fördern die Selbstständigkeit der einzelnen Person und die Kommunikation untereinander. Dass es hier auch zu unterschiedlichen Meinungen und zu Streitgesprächen kommt, gehört zum Prozess. Das hält die Beziehung zum Wort Gottes und untereinander lebendig, manchmal sehr lebendig. Hier sind wir immer wieder herausgefordert, Spannungen zwischen der Vielfalt von Argumenten und Meinungen und der Einheit unter dem Kreuz Christi auszuhalten. Dieses gemeinsame Ringen um das rechte Verständnis des Wortes Gottes gehört für mich, mit Wirkungen und Nebenwirkungen, zur baptistischen Spiritualität. Hier drücken sich gleichermaßen die Freiheit der einzelnen Person und Gemeinde und die Zusammengehörigkeit trotz unterschiedlicher Auffassungen aus.

Das Ringen um Einheit trotz Verschiedenheit ist dann auch eine Motivation sich generell für die Einheit der Christen und Kirchen einzusetzen. Nicht selten sind Baptisten unter denen, die sich regional oder global für Zusammenschlüsse wie die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, die Evangelische Allianz oder den ökumenischen Rat engagieren. Das Miteinander-Ringen wird auch immer wieder in den jährlichen Konferenzen der Landesverbände oder Bünde deutlich. Trotz der Selbständigkeit der jeweiligen Ortsgemeinde gibt es eine innere Verpflichtung, gemeinsam in einem Gemeindebund zu arbeiten. Die Grundlage für diese Haltung, diese Prozesse, ist immer wieder neu ein intensives Studium der Bibel und der Austausch darüber unter Mitwirkung des Heiligen Geistes.

All das macht die Bedeutung von Gemeinde aus und prägt die Spiritualität von Baptistinnen und Baptisten. Und dazu gehört insbesondere auch die Liebe zur Gemeinde.

Bunt zusammenwachsen

Das Präsidium und die Bereichsleiter des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) haben am 11. Januar bei einem Klausurtag die Entwicklung des Bundes im Blick auf die zunehmende Internationalität der Gemeinden sowie ihre Auswirkungen und Konsequenzen besprochen.

„Aus der ganzen Welt, aus Ost und West, aus Nord und Süd werden die Menschen in Gottes neue Welt, zu Gottes Fest kommen“, hielt Pastor Michael Lefherz eine Andacht über Lukas 13,29 und verwies auf das Mission Statement „Bunte Gemeinde“. In den letzten Jahren sind die Gemeinden des BEFG bunter geworden. Viele Ehren- und Hauptamtliche haben sich diakonisch für Geflüchtete eingesetzt und sie in den Gemeinden willkommen geheißen. Diese Entwicklung bringt auch neue Herausforderungen mit sich. In den Gemeinden wird spürbar, dass Gott uns manchmal an unsere Grenzen führt, um Vorurteile verschwinden zu lassen und neue Geschichten zu schreiben. Wie kann diese neue Geschichte aussehen? Wie kann Integration gelingen?

Mit diesen Fragen und Entwicklungen beschäftigte sich das Präsidium und die Bereichsleiterkonferenz wiederholt bei ihrem Klausurtag am 11. Januar. Thomas Klammt, Referent für Integration und Fortbildung, gab den Anwesenden einen Einblick in die gegenwärtige Situation der Bundesgemeinden: Im BEFG sind laut dem aktuellen Jahrbuch 35 internationale Gemeinden. Sie machen etwa vier Prozent des Bundes aus. Von ihnen gehören 18 zu der Internationalen Mission in Deutschland (IMD). Darüber hinaus haben viele andere Bundesgemeinden internationale Mitglieder und fremdsprachige Angebote. Das trifft auf ungefähr ein Viertel aller BEFG-Gemeinden zu. Nach Englisch sind Angebote auf Farsi (persisch) mit 20 Prozent die zweithäufigste Fremdsprache in den befragten Gemeinden. Zudem können internationale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Pastorale Integrations- und Ausbildungsprogramm (PIAP) der Evangelisch-Freikirchlichen Akademie absolvieren. Nach zwei abgeschlossenen Kursen wurden so bereits 18 Teilnehmende ordiniert und arbeiten heute als Pastorinnen und Pastoren in den Gemeinden oder überörtlich.

Im Hinblick auf die Internationalität im BEFG stellte Thomas Klammt fest, dass die interkulturelle Gemeinschaft zunehmend auch in Gottesdiensten erlebt wird: durch Übersetzung, Beteiligung von Fremdsprachigen bei Musik, Gebet, Lesung bis hin zur Verkündigung. Sie wirke sich jedoch erst langsam auch auf die Besetzung von Leitungsaufgaben oder Anstellungen von Migrantinnen und Migranten aus. Kritisch merkt er an, dass die Kulturen des Gebens sehr verschieden sind, was sich auf die finanzielle Beteiligung der Migranten am Haushalt von Gemeinden und Bund auswirke. „Veränderung braucht Optimismus und einen langen Atem. Und auch die Bereitschaft zum Streit. Niemand hat gesagt, die Gesellschaft der Vielheit sei eine gemütliche Angelegenheit“, zitierte er den Autor Mark Terkessidis. Integration bedeute Zusammenwachsen und das sei ein Prozess.

Von seinen Erfahrungen berichtete Pastor José Malnis, Verantwortlicher für die Latinoarbeit im Landesverband Bayern: „Als Latinogemeinde wollen wir in die deutsche Gemeinde integriert sein. Gemeinsam wollen wir Gott loben und verkündigen. Dazu brauchen wir auch mehr Ausbildungsmöglichkeiten in anderen Sprachen und Mentoring-Programme.“ Auch der Iraner Omid Homayouni aus der EFG Varel, der überörtlich auch für den Landesverband Nordwestdeutschland arbeitet, wünschte sich ein Für- und Miteinander von der deutschsprachigen und den internationalen Teilgemeinden. Ebenso berichtete Präsidiumsmitglied Alfred Aidoo von seinen Erfahrungen. Er stammt aus Ghana und ist heute Pastor in einer deutschen Gemeinde. Scott Corwin, Pastor der International Baptist Church in Berlin-Steglitz, erzählte von dem Übergang seiner Gemeinde von einer amerikanischen Garnisonsgemeinde zu einer multi-ethnischen und multi-kulturellen Gemeinde.

Profitieren wollten die Teilnehmenden des Klausurtags auch von den Integrationsarbeiten anderer Länder. Joachim Gnep, Leiter des Dienstbereichs Mission, stellte die Erfahrungen aus Polen, Österreich und Schweden vor und was der Bund daraus lernen könne. In einer Gruppenarbeit nahmen Präsidiumsmitglieder und Bereichsleiter die verschiedenen Impulse auf und erarbeiteten Vorschläge für die konkrete Weiterarbeit: Ausbildungs- und Fortbildungsangebote, interkulturelle Beratungsmöglichkeiten und auch Programme, die gezielt die Integration von Migranten der zweiten Generation im Blick haben sollen sowie die Repräsentation internationaler Geschwister in Gremien auf den unterschiedlichen Ebenen. „Die Veränderung der letzten Jahre ist für unseren Bund eine Bereicherung “, meinte BEFG-Generalsekretär Christoph Stiba, „Integration ist dabei nicht immer einfach und schnell.“ Schritt für Schritt würden die Gemeinden „zusammenwachsen und zusammen wachsen“, sagte er. „Wir sind als Bund aus bunten Gemeinden miteinander auf dem Weg.“ Und er fügte hinzu: „Vielleicht kann das auch bei den anstehenden Präsidiumswahlen sichtbar werden, wenn aus den Landesverbänden und Gemeinden auch Personen mit Migrationshintergrund vorgeschlagen werden und kandidieren.“

Wie eine Surferin von Gott getragen

Prof. Dr. Andrea Klimt hat Baptistinnen und Baptisten aus aller Welt über ihre Gottesvorstellungen befragt. In ihrem Beitrag zur zweiten Säule des Jahresthemas („Die eigene Spiritualität wertschätzen“) beschreibt sie, was deren Antworten über eine typische baptistische Frömmigkeit aussagen.

Thereza ist unter schwierigen Umständen aus Rumänien nach Österreich geflohen. Wenn sie auf ihr Leben zurückblickt, ist sie dankbar. Dankbar, dass die Flucht gelungen ist. Dankbar, dass sie in der Lage war, die deutsche Sprache zu erlernen. Sie sieht in ihrer gelungenen Flucht eine Führung Gottes, und das Erlernen dieser schwierigen Sprache nimmt sie als ein Geschenk aus Gottes Hand. Miguel aus Puerto Rico fühlt sich von Gott aufgefangen und trotz eines schweren Fehlers wieder angenommen und geliebt. „Das war Gottes Plan“, sagt Yara aus Afghanistan über ihren Weg nach Österreich. „Wenn wir in Afghanistan geblieben wären, dann würden wir jetzt nicht mehr leben“, ist sie sich sicher. Karin bekommt mit, wie zwei Männer sich an einer U-Bahn-Station streiten. Der eine redet sehr abwertend auf den anderen ein. Karin hat den Impuls, etwas zu tun und mischt sich ein. Der Streit wird beendet. „Gott hat mir den Mut gegeben, dazwischen zu gehen. Ich weiß nicht, ob ich das von mir aus so gemacht hätte“, sagt sie mir in unserem Gespräch. Johannetta ist weit über achtzig Jahre alt und sagt mit Blick auf ihren letzten Lebensabschnitt: „Ich weiß, dass Gott mich erwartet.“ Elena fühlt sich nach ihrer Scheidung von Gott begleitet. Eine dringend benötigte Wohnung, die ihr durch eine Mitarbeiterin der Stadt vermittelt wird, sieht sie als ein Geschenk von Gott. Clara, eine ältere langjährige Baptistin aus den USA sagt, dass sie sich in ihrem Leben durch Gott getragen fühlt, wie eine Surferin auf ihrem Surfbrett. Ana aus Kuba denkt ständig an Gott, weil sie für die Menschen betet, die um sie herum Nöte haben oder in schwierigen Lebenssituationen sind.

Ihre Geschichten haben mir meine baptistischen Gesprächspartnerinnen und -partner während meiner Forschungsarbeiten erzählt. Sie haben mich fasziniert. Ich hatte mir zur Aufgabe gemacht, etwas über „Gottesvorstellungen baptistischer Erwachsener“ zu erfahren. Dazu habe ich mit circa 60 Personen aus unterschiedlichen Kulturen gesprochen. Was haben sie gemeinsam und was davon könnte als eine „typisch baptistische Frömmigkeit“ verstanden werden? Diese Frage habe ich mir unter anderem gestellt.

Baptisten und Baptistinnen deuten die Erfahrungen in ihrem Leben und Alltag als Gotteserfahrung. Allen gemeinsam war, dass bedeutende Lebensereignisse im Rückblick mit Gott in Verbindung gebracht wurden. Sie wurden als Plan oder Führung Gottes gesehen. Gott hat bei der Flucht geholfen, hat versorgt, Mut gegeben, in schwierigen Situationen begleitet und bewahrt.

Gefühle, die Gott gegenüber geäußert werden, sind vor allem Vertrauen und Dankbarkeit. Die Mehrheit der Befragten beschreibt eine Veränderung ihrer Gottesvorstellung im Laufe der Zeit, wobei oft von kritischen Lebensereignissen ein verändernder Impuls ausgehen kann. Oft ist das Vertrauen der Einzelnen gerade durch Krisenzeiten gewachsen, was nicht automatisch bedeutet, dass die Betroffenen in der Krise selbst die Nähe Gottes stark erlebt haben. Oft ist es eher die Rückschau auf eine bewältigte Krise, die das Vertrauen stärkt.

Aber nicht nur besondere Situationen, sondern vor allem der Alltag wird mit Gott in Verbindung gebracht. Um herauszufinden, ob die Befragten bestimmte Rituale oder Gewohnheiten haben, habe ich folgende Frage gestellt: „Gibt es bestimmt Zeiten, Orte oder Situationen, in denen Du öfter an Gott denkst?“ Die Antworten der befragten Baptistinnen und Baptisten aus verschiedenen Kulturen ähneln sich. Die meisten von ihnen beantworten die Frage sinngemäß so: „Ja... (kurzes Nachdenken), aber eigentlich: Nein! Keine bestimmten Orte – ich denke überall an Gott. Nein, eigentlich keine bestimmten Zeiten – ich denke immer an ihn. Nein, eigentlich keine bestimmten Situationen – ich denke überall an ihn.“ Man könnte dies mit „immer und überall“ wiedergeben.

Möglicherweise sind es nicht nur Baptisten, die so antworten. Es ist also möglicherweise keine originär baptistische Antwort, aber es ist möglicherweise eine typische Antwort für Baptistinnen und Baptisten: Gott ist für mich immer und überall präsent, und ich erlebe dies in meinem Alltag und auch in besonders herausfordernden Lebenssituationen. Nach meiner Erfahrung ist es so für Baptisten weltweit: Alles ist mit Gott verbunden. Der Alltag ist vom Gedanken an Gott durchdrungen.

Das Gebetsleben von Baptistinnen und Baptisten erscheint wie ein ständiger Dialog mit Gott. Es ist also weniger rituell auf bestimmt Orte oder Zeiten festgelegt oder an bestimmte Gebetshaltungen und vorformulierte Gebete gebunden. Vieles, was erlebt wird, fließt ins Gespräch mit Gott ein. Baptistinnen und Baptisten sind überzeugte und hoffnungsvolle Beter. Sie sind überzeugt davon, dass es Sinn macht, alles im Gebet zu Gott zu bringen. Sie rechnen mit dem Eingreifen Gottes. Interessanterweise handelt es sich hier weniger um ein „übernatürliches“ Eingreifen Gottes, vielmehr wird damit gerechnet, dass Gott durch Menschen handelt. Die von Gott erfahrene Hilfe auf der Flucht geschieht oft durch Menschen, die helfen und zur Seite stehen. Südafrikanische Baptistinnen und Baptisten erzählten mir, dass es für sie eine Antwort auf ihre Gebete war, wenn plötzlich ein Korb mit Essen vor der Türe stand oder ein Stipendium für das Schulgeld gewährt wurde.

Diese Beobachtung schließt auch die Erfahrung ein, dass Gott durch mich handeln kann und ich daher ebenfalls im Gebet frage: „Was soll ich tun? Wie soll ich mich verhalten?“ Auch diese Perspektive taucht in den Gesprächen auf, wie das Beispiel von Karin zeigt.

Eine wesentliche Rolle für die Frömmigkeit von Baptistinnen und Baptisten ist das Lesen in der Bibel. Das ist für sie eine Möglichkeit, eben diesen „Willen Gottes“ in Erfahrung zu bringen. Dabei werden viele Aspekte der biblischen Botschaft verinnerlicht, so dass das Handeln im Alltag davon bestimmt werden kann.

Im nächsten Beitrag der Artikelserie zum Jahresthema beschreibt Prof. Dr. Andrea Klimt die Bedeutung der Gemeinde für den Glauben von Baptistinnen und Baptisten. Darauf folgt ein Artikel von Alexander Rockstroh über typische Ausdrucksformen der Frömmigkeit in der Brüderbewegung.

Literatur:
Klimt, Andrea – Gottesvorstellungen baptistischer Erwachsener im interkulturellen Vergleich, Göttingen 2017

„Gewagt! 500 Jahre Täuferbewegung 1525-2025“

2025 jährt sich die erste täuferische Glaubenstaufe von 1525 in Zürich zum 500. Mal. Aus diesem Anlass bereitet eine Arbeitsgruppe, zu der Vertreter der Mennoniten, der Baptisten und der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) gehören, fünf Themenjahre vor. Der Beginn ist 2020 mit dem Thema „gewagt! mündig leben“. 

Die Themenjahre sollen anregen, darüber nachzudenken, was Christsein unter täuferischen Vorzeichen im 21. Jahrhundert bedeutet. Die Täufer waren im 16. Jahrhundert Teil des reformatorischen Aufbruchs. Sie zeichneten sich durch eine große Vielfalt aus, die bis heute die täuferischen Gemeinden und Kirchen prägt. Die Erinnerung an 500 Jahre Täuferbewegung soll dazu herausfordern, sich mit den eigenen Traditionen auseinanderzusetzen, den Glauben Anderer wahrzunehmen und sich selbstbewusst und dialogfähig in die ökumenische Diskussion einzubringen.  

Zu jedem Themenjahr wird ein Magazin veröffentlicht, das in Gesprächs- und Hauskreisen, Gemeinden, ökumenischen Gremien sowie in Bildungseinrichtungen zu Diskussionen über das jeweilige Jahresthema anregen soll. Ausstellungen, Materialien für Schule und Bildungsinstitutionen sowie Tagungen werden die Auseinandersetzung mit den zurückliegenden 500 Jahren täuferischer Geschichte illustrieren und vertiefen. Der  Auftakt für „500 Jahre Täuferbewegung“ ist Himmelfahrt 2020.

Träger der geplanten Aktionen ist der Verein „500 Jahre Täuferbewegung 2025 e.V.“  mit Sitz in Frankfurt/Main in der Ökumenischen Centrale der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen. Vorsitzende ist PD Dr. Astrid von Schlachta, Dr. Andreas Liese ihr Stellvertreter.

Die Themenjahre:

2020: gewagt! mündig leben
Taufe – Freiwilligkeit – Religionsfreiheit
2021: gewagt! gemeinsam leben
Gleichheit – Verantwortung – Autonomie
2022: gewagt! konsequent leben  
orientiert an Jesus – nonkonform – bekennen – Martyrium
2023: gewagt! gewaltlos leben
Friedenskirche – Widerstand – Versöhnung
2024: gewagt! Hoffnung leben
Reich Gottes – Utopie – Erneuerung

Die Täufer waren eine reformatorische Bewegung, die im frühen 16. Jahrhundert entstand. Zu ihr gehörten Gruppen wie die Mennoniten und die Hutterer, die Schweizer Brüder und Melchioriten sowie  viele  einzelne,  kleinere  Gemeinden.  Sie  verfolgten  das  Ziel,  als  mündige  Menschen gemeinsam und konsequent ein an biblischen Maßstäben orientiertes Leben zu führen. Ihre Ideale waren  die  Freiheit  des  Glaubens  und  die  Gewaltlosigkeit.  Für  ihren  Glauben  nahmen  sie Verfolgung, erzwungene Migration und Diskriminierung in Kauf. Heutzutage zählen Gruppen wie Mennoniten, Mennoniten Brüdergemeinden, Hutterer und Amische sowie Baptisten und Quäker, die im frühen 17. Jahrhundert im Zusammenhang mit der englischen Reformation entstanden, zum weiten Spektrum der täuferischen Kirchen.

Kontakt: 
PD Dr. Astrid von Schlachta
Vorsitzende „500 Jahre Täuferbewegung 2025 e.V.“ 
mennoforsch(at)t-online.de
Telefon: 06352 700 519

Pastor Bernd Densky
Geschäftsführer „500 Jahre Täuferbewegung 2025 e.V.“ 
bernd.densky(at)ack-oec.de
Telefon: 069 247027-18

 

 

 

Unterstützung für diakonisch aktive Gemeinden

„In vielen Gemeinden ist die Bereitschaft zum diakonischen Handeln vorhanden und gehört zum Gemeindealltag. Die Arbeit mit Geflüchteten hat viele Gemeinden bereichert.“ Zu diesem Resümee kamen die regionalen Diakoniebeauftragten Susan Jose für den Bereich Schleswig-Holstein und Almut Siodlaczek für den Bereich Hessen. Hier stellen sie die Arbeit der regionalen Diakoniebeauftragten vor.

Wir haben eine Befragung unter allen Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden in unserer Region durchgeführt, um zu ermitteln, welche Angebote es in den Gemeinden im diakonischen Bereich gibt und welche Fragen, Wünsche und welcher Bedarf dazu bestehen. Ziel dieser Befragung war es, einen Einblick in die diakonischen Arbeiten zu bekommen, um Informationen zielgerichteter weiterzugeben und auf Bedürfnisse reagieren zu können. Darüber hinaus haben wir recherchiert, welche Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten es für die jeweilige Region gibt. So konnten wir zum Beispiel im Landesverband Hessen die Information über eine finanzielle Projektförderung im Bereich Krabbelgruppen an Gemeinden weitergeben.

Die Erfassung der Daten war ein erster Schritt. Für dieses Jahr planen wir, Vernetzungs- und Austauschangebote zu schaffen und Beratung anzubieten. Wir wünschen uns, dass das Konzept der regionalen Diakoniebeauftragten weiter bekannt gemacht und auch in den anderen Landesverbänden dafür geworben wird. Denn es ist unser Anliegen, dort weitere Diakoniebeauftragte zu gewinnen, sodass in jedem Bundesland regionale Diakoniebeauftragte etabliert werden oder Diakoniewerke entstehen. Die Diakoniebeauftragten sollten möglichst Diakoninnen oder Diakone sein, da sie durch ihre Ausbildung die nötige Qualifikation besitzen und als ordinierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch für den BEFG als Diakoniebeauftragte gegenüber externen Gremien auftreten können.

Geschlechterrollen, Nähstuben und etwas Bewegung

„Mitarbeitende, die Geflüchtete auch außerhalb der Gemeinde begleiten, werden häufig kaum im Gemeindeleben wahrgenommen“, hat Daria Kraft beobachtet. Sie arbeitet in der Fachstelle für Integration und Geflüchtete im Diakoniewerk der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden in Baden-Württemberg. Vornehmlich im Großraum Stuttgart unterstützt sie die Gemeinden bei ihrem Engagement vor Ort.

Es gibt unzählige schöne Erlebnisse, und meist profitieren die Helfenden selber von ihrem Engagement. Dennoch bringt die anspruchsvolle Arbeit auch Herausforderungen mit sich. Wie gehe ich mit traumatisierten Geflüchteten um und wie verarbeite ich belastende Themen selbst? Diese Frage stand bei einem Seminartag am 20. Oktober in der Evangelisch-Freikirchlichen Martin-Luther-King-Kirche in Stuttgart-Zuffenhausen im Mittelpunkt. Worauf kommt es bei einer Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge an? Wie gehe ich damit um, wenn „meine“ Patenfamilie abgeschoben wird? Die Fachstelle bietet für solche Fragen Gruppensupervision und Coaching für die Ehrenamtlichen an, damit diese ihre Arbeit reflektieren und Lösungen finden können. Daria Kraft plant weitere Schulungstage zu Themen wie „Menschen und Kulturen verstehen“, „Selbstfürsorge“ oder „Geschlechterrollen in patriarchalen Gesellschaften“. Bei allen Angeboten können die Teilnehmenden oft auch vom gegenseitigen Austausch und der Vernetzung profitieren.

Daria Kraft möchte als Diplompädagogin und Pastorin ermutigen, die Arbeit mit Geflüchteten als Teil diakonischer Gemeindearbeit wertzuschätzen. Mitarbeitende öffentlich im Gottesdienst zu senden, zu segnen und zu Wort kommen zu lassen, ist ihr ein Anliegen. Deren Engagement ist vielfältig: Es gibt (Sprach-)cafés, Angebote für geflüchtete Kinder, Glaubenskurse oder Gottesdienste in Fremdsprachen, Nähstuben, Fußballvereine, Besuche in Unterkünften, oder es wird mit Hilfe ehrenamtlicher Geflüchteter gekocht und ein Mittagstisch für die Stadt angeboten. Zudem unterstützt eine Vielzahl von Gemeindemitgliedern die Geflüchteten im alltäglichen Leben, etwa bei Behördengängen oder der Arbeits- und Wohnungssuche. Sie bieten ein Ohr für Sorgen und Nöte oder teilen gar ihre Wohnung oder das Haus. Ungefähr 350 Ehrenamtliche in 15 Gemeinden sind mit circa 700 Geflüchteten im Stuttgarter Raum unterwegs.

Dabei ist es Daria Kraft wichtig, auf Augenhöhe zu agieren und Integration als einen Prozess zu verstehen, bei dem sich beide Seiten aufeinander zu bewegen. Um diese Bewegung zu fördern, engagiert sie sich in der Fachstelle etwa für Patenschaften oder beim Fundraising für Begegnungsprojekte. Ein solches Begegnungsprojekt ist zum Beispiel die von der Aktion Mensch unterstütze „Dialogrikscha“ – eine Fahrradrikscha, bei der sich bis zu drei Personen gemütlich unterhalten können, während selbstverständlich eine andere Person sich abstrampeln muss. Eine mitunter schweißtreibende Gelegenheit zur Begegnung, von Jung und Alt, Geflüchteten und Einheimischen.

Straßenexerzitien

Straßenexerzitien sind für BEFG-Diakoniereferentin Gabriele Löding eine besondere Quelle der Inspiration. Sie hat erlebt, dass Gott sich beim Unterwegssein auf der Straße oft auf überraschende Weise finden lässt.

Inspirationen, besondere Gedanken, Einfälle und Erlebnisse, die meinem Leben eine Tiefe geben und mein Verhältnis zu Gott und den Menschen intensivieren – das wünsche ich mir immer wieder. Das möchte ich erleben in besonderen Zeiten, aber auch im Alltag. Eine solche Inspiration wurden für mich die Exerzitien auf der Straße.

Es hat lange gedauert, bis ich mich darauf eingelassen habe. Doch dann war es soweit: Ich habe mich zu Straßenexerzitien angemeldet. Der einzige Zeitpunkt in meinem vollen Terminkalender, der passte führte mich nach Bern. Am Nachmittag kam ich mit dem Zug in der Stadt an. Vom Bahnhof aus war es nur ein kurzer Weg bis zur Dreifaltigkeitskirche, deren Gemeindehaus ein sehr einfaches Quartier – wie immer bei Straßenexerzitien – für uns zwölf Teilnehmende, Begleiter und Begleiterinnen bot. Nach einem ersten Kennenlernen und der Einführung gab es den Impuls für den ersten Tag auf der Straße: „Kommt erst mal an und verlangsamt euren Schritt.“ Ich merkte bald, dass sich das leichter anhörte als es sich umsetzen ließ. Mein Kopf war noch voll mit Gedanken, Terminen und Erlebnissen und mein Tempo war schnell. Erst als ich mich entschied, barfuß zu gehen (es war Sommer), die Schuhe und damit auch einen Schutz abzulegen, wurde mein Schritt bedächtiger. Eine Schnecke auf dem Weg wurde für mich zum Symbol für die Langsamkeit. Als ich dann auch mein Geld zu Hause ließ und nur ein Brot und Wasser mitnahm, wurde meine Konzentration auf das Wesentliche gelenkt. Ich war da, um Gott neu zu begegnen. Je mehr es mir gelang, mich auf die Gegenwart, den Ort an dem ich war, einzulassen, desto mehr konnte ich verweilen, desto intensiver konnte ich meine Umgebung und meine Gefühle wahrnehmen und darin die Spur Gottes finden.

Dass profane Orte zu heiligen Orten werden können, erfuhren wir in einem der Gottesdienste, die wir am Ende eines Tages feierten. Mose ist auf der Suche nach neuen Weideplätzen für seine Schafherde. Dabei kommt er an einem Dornbusch vorbei und sieht, wie dieser brennt, ohne zu verbrennen. Mose ist neugierig, nimmt sich Zeit zum Verweilen, Hinsehen und Hinhören und lässt sich von Gott ansprechen und berühren. Ich erlebte bei meinen Straßenexerzitien auch besondere Orte, zum Beispiel die Aare, den Fluss, der mit einer starken Strömung durch Bern fließt. Als ich mich an einem Tag in seine Strömung begab, merkte ich, wie sie mich vitalisierte, davon trieb und mir half, mich einfach hinzugeben, loszulassen und Gottes gute Schöpfung genießen zu können. Das führte mich zum Danken und Loben.

Ich erlebte aber auch anderes. An einem anderen Tag ging ich ins Amt für Migration. Im Wartebereich verweilte ich und  beobachtete, wie Menschen unterschiedlicher Nationen aufgerufen wurden und immer wieder hinter einer Tür verschwanden, die sich nur für einen kurzen Moment öffnete. Eine Frau kam weinend wieder heraus und ging weg. Plötzlich überfiel mich selbst ein starkes Gefühl des Fremdseins. Ich fühlte mich fremd und allein dort in dem Amt und auf den Straßen Berns, bis ich zu einer Kirche kam. Sie war offen, ich ging hinein und saß lange dort. Langsam nahm ich wahr, wie ich mich im Fremdsein geborgen fühlte. Ich konnte annehmen, dass ich mich fremd, alleine, auf Hilfe angewiesen und bedürftig fühlte und spürte mich stark in Gott geborgen. Mir wurde klar: Alles Leben beginnt mit dem Bedürftigsein und endet auch so – wir leben als Empfangende. An diesem Tag wurde ich mit meinen Ängsten und Nöten konfrontiert, merkte aber, auch damit bei Gott gut aufgehoben und von ihm beschützt zu sein.

Ja, Gott begegnet mir immer wieder auf überraschende Weise, wenn ich mir die von Gott geschenkte Zeit dafür nehme. Bei den Exerzitien hatten wir viel Zeit: morgens für die Andacht, dann sechs Stunden auf der Straße und nach der Rückkehr Zeit, um Gottesdienst zu feiern, das Abendessen zu kochen und zu genießen. Danach hatten wir viel Zeit, damit jede und jeder aus der Gruppe über das Erlebte reden konnte. Das führte bei mir zu tiefer Dankbarkeit für die Erfahrungen des Tages und für das Anteilnehmen und  -geben. Für mich wurden die Exerzitien zu einem Loslassen in die Zeit und die Anwesenheit Gottes hinein. Exerzitien auf der Straße heißt: Gott finden und sich von ihm finden lassen – auf der Straße beim Unterwegssein. Nicht ich will bei dieser Übung etwas für Gott tun, sondern Gott will mich überraschen und beschenken. Da Gott überall gegenwärtig ist, können wir ihn auch überall suchen und finden.

Die Bibel enthält viele Geschichten, die beschreiben, dass Menschen auf dem Weg, auf der Straße sind. Die Bibel erzählt von Menschen, die sich von Gott bewegen ließen. Wir lesen, welchen Weg Mose gegangen ist, Abraham und Sara, Rut, Noomi, und Jona, von den Wegen Jesu und seiner Jünger. Jesus war viel auf der Straße unterwegs, er ließ sich anrühren von Orten, er weinte über Jerusalem und er begegnete auf der Straße Menschen und seinem Vater.

Durch das Unterwegssein werden innere und äußere Prozesse angeregt, geraten in Bewegung. Wer in Bewegung bleibt, körperlich und gedanklich, bleibt auch im Glauben in Bewegung. Als Gläubige sind wir immer wieder aufgerufen den nächsten Schritt zu gehen, nicht stehen zu bleiben. Gott setzt uns auch heute noch in Bewegung.

Die Straßenexerzitien sind eng verbunden mit dem Jesuiten und Arbeiterpriester Christian Herwartz (*1943). Er lebte in einer offenen Kommunität in Berlin. Ende der 1990er-Jahre baten ihn Einzelne, ihre persönliche geistliche Auszeit gerade in diesem Umfeld zu begleiten. Aus diesen Anfängen erwuchs eine Bewegung, die inzwischen weit verbreitet ist und entwickelten sich vielfältige Formen von Straßenexerzitien. Zum Kennenlernen werden mehrstündige Straßenexerzitien angeboten, ansonsten dauern sie sieben bis zehn Tage. Bei Interesse biete ich gerne Exerzitien an.

Botschafter der Versöhnung

Jetzt liegt er in Scherben. Ein Hammerschlag von Jens Mankel hat den Teller zertrümmert.
Auch gute Beziehungen werden manchmal so abrupt zerstört. Oft scheint ein Zurück nicht möglich – alles ist zerbrochen.

„Versöhnt leben – mit Gott, mit anderen und mit mir selbst“ war das Thema eines Seminarwochenendes für persische Christen und ihre deutschen Freunde.  Aus sechs Gemeinden in Nordwestdeutschland kamen die 50 Frauen, Männer und Kinder; die meisten von ihnen sind in den letzten Monaten oder Jahren aus dem Iran oder Afghanistan nach Deutschland geflüchtet und Christen geworden. Sie waren eingeladen, sich mit ihrem Glauben und der Bibel näher zu beschäftigen. Damit jeder alles verstand, wurden alle Beiträge von Omid Homayouni übersetzt, von Deutsch nach Farsi oder von Farsi nach Deutsch. Dabei wurde deutlich, dass Versöhnung für manche Menschen aus der iranischen Kultur eine besondere Bedeutung hat, da sie dort erlebt haben, dass nach Konflikten Mauern gezogen und Kontakte vermieden werden.

Gott aber schenkt Versöhnung und will, dass wir den Weg zu ihm finden, so wie der „Verlorene Sohn“ zurückkehrt zum Vater. Dort wird er von dessen ausgebreiteten Armen umschlossen. Aber er muss auch erfahren, dass sein Bruder sich ihm verweigert. Als Christen haben wir Vergebung geschenkt bekommen, so dass wir versöhnt mit Gott, unseren Nächsten und mit uns leben können.

Als Referenten leiteten Thomas Klammt und Jens Mankel von der Evangelisch-Freikirchlichen Akademie Elstal zum Nachdenken über die biblischen Berichte und das eigene Lebensverhalten an, unterstützt von Heike Scharf und Uwe Fischer, Dozenten des evangelischen Bildungshauses Rastede. Daneben gab es Zeit zum Singen, Spielen, Tanzen und zu intensiven persönlichen Gesprächen. Die Teilnehmer genossen die ruhige Freizeit-Hotel-Atmosphäre, die Betreuung der Kinder durch Fachpersonal und dass man sich an gedeckte Tische setzen konnte. Zum Abschluss wurden sie am Sonntagmorgen in einem Gottesdienst mit Abendmahl als „Botschafter der Versöhnung“ gesegnet. Dankbar für die gemeinsamen Tage und mit neuer Hoffnung und Motivation fuhren alle in ihre Gemeinden zurück.

Als Christuszeuge unterwegs

Adolf Pohl ist am Nachmittag des 10. Dezembers im Alter von 91 Jahren verstorben. Als „Christuszeugen“, der „in seiner weisen, klugen und seelsorgerlichen Art vielen Menschen zum Segen geworden ist“, bezeichnen BEFG-Präsident Michael Noss und Generalsekretär Christoph Stiba Adolf Pohl in einem Nachruf des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG). Adolf Pohl war Pastor i.R. des BEFG und Direktor des Theologischen Seminars Buckow in der DDR.

Nach seinem Theologiestudium in der späteren Hamburger Kirchlichen Hochschule und am Predigerseminar der deutschen Baptisten in Hamburg, das wegen der Zerstörung des Hamburger Geländes 1947 und 1948 den Studienbetrieb zunächst in Wiedenest wiederaufnahm, war er von 1950 bis 1957 als Gemeindepastor in Berlin-Lichtenberg tätig. Nach drei Jahren als Schriftleiter der Monats-Zeitschrift „Wort und Werk“ des BEFG in der DDR wechselte er 1959 als Lehrer an das neu gegründete Theologische Seminar in der DDR. Dort blieb er bis zur Zusammenlegung der ost- und westdeutschen Seminare in Buckow und Hamburg nach der Wiedervereinigung. „Dieser Berufung ging er mit Begeisterung nach und bezeichnete sie als seine ‚Lebensaufgabe‘“, so Noss und Stiba. Das Amt des Direktors des Theologischen Seminars Buckow hatte er von 1964 bis 1970 inne.

Adolf Pohl ist Autor verschiedener theologischer Bücher, unter anderem hat er in der Reihe Wuppertaler Studienbibel Kommentare zur Offenbarung des Johannes, zum Markusevangelium, zum Galaterbrief und zum Römerbrief verfasst. Diese liegen auch in anderen Sprachen, unter anderem slowakisch, vor. Sein Buch „Staunen, dass Gott redet“ wurde ins Arabische übersetzt. „Wichtig war es ihm auch in seiner wissenschaftlichen Arbeit, nie den Bezug zur Ortsgemeinde zu verlieren. So brachte er sich auch nach seinem aktiven Dienst bis zuletzt in die Gemeindearbeit ein“, heißt es im Nachruf des BEFG.

„Adolf Pohls Denken und Reden war zutiefst von biblischen Worten und Einsichten durchtränkt, ohne dass es in irgendeiner Weise biblizistisch flach wirkte. Es ist Adolf Pohl in einzigartiger Weise gelungen, den wunderbaren Vielklang der Bibel zu hören und differenziert darzustellen“, würdigte Prof. Dr. Michael Kißkalt, Rektor der Theologischen Hochschule Elstal, den Verstorbenen. Vor drei Jahren hatten Studierende der Hochschule Adolf Pohl in Buckow besucht. Dort habe er einen ermutigenden Vortrag zur „Rolle der Theologie heute“ gehalten und davon berichtet, wie es trotz des „wachsamen Auges“ des Staates in der DDR möglich gewesen sei, Pastoren auszubilden. Dieser Besuch habe bleibenden Eindruck bei Studierenden und Dozierenden hinterlassen.

Adolf Pohl war seit 1953 mit Brigitte Pohl, geborene Meie, verheiratet. Er hinterlässt vier erwachsene Söhne.

In einem Kondolenzschreiben des Bundes an die Familie heißt es: „Gott hat einen großartigen Menschen und Theologen vollendet. Wir haben Adolf Pohl immer als einen demütigen Menschen wahrgenommen, der aufgrund seines Verstandes, seines theologischen Wissens und seiner Rhetorik auch hätte stolz sein können. Das war er nicht. Er blieb für viele der Bruder in Christus, der ihnen den Heiland mit Sinn und Verstand lieb gemacht hat. Das hat ihn ausgezeichnet.“

Die Trauerfeier ist am 22. Dezember 2018 um 11:00 Uhr in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Buckow-Müncheberg, Neue Promenade 34, 15377 Buckow.

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